Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes bringt „Alice im Wunderland“ das Tanzen bei

Bunter Bilderbogen

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Augenfutter und Anrührendes in Hannover. ·

Hannover - Von Jörg Worat„Alice im Wunderland“ als Tanzabend – geht das, soll man diesen Versuch wagen? Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes hat’s getan. Mit zwiespältigem Resultat, wie bei der Premiere im Opernhaus zu sehen war.

Das wirklich Schräge ist noch nie Mannes’ Spezialität gewesen. In formaler Hinsicht wird immer wieder seine Vorliebe für die Neoklassik deutlich. Durch radikale Deutungen der Inhalte ist der Choreograph bislang kaum aufgefallen. Jede Umsetzung von „Alice im Wunderland“, dem Kinderbuch, das auch auffällig viele Erwachsene lieben, bedarf aber dringend der genauen Einfühlung in Lewis Carrolls entrückte Poesie. Da die nicht durchgehend erfolgt zu sein scheint, bietet der Abend streckenweise das Schlimmste, was diesem Stoff passieren kann: einen bunten Bilderbogen, nett anzusehen, gekonnt getanzt, vom Niedersächsischen Staatsorchester mit Musik vorwiegend von Satie gefällig unterfüttert, aber ohne jede Doppelbödigkeit.

Zu Beginn stürzt durch eine Seitentür im Zuschauerraum das Weiße Kaninchen hinein und erklimmt die Bühne – Pantelis Zikas wird in dieser Rolle ohne eigenes Verschulden im weiteren Verlauf zunehmend nerven, weil sein ständiges Gezappel und Gepurzel zwar durchaus Carrolls Figurenzeichnung entspricht, über die zu lesen indes eine ganz andere Sache ist als sie visualisiert zu erleben. Dem Kaninchen folgt Alice, genauer gesagt eine Alice, denn hier gibt es derer sieben, darunter mit Elvis Val auch eine männliche Ausgabe, was aber bei der einheitlichen Kostümierung nicht besonders auffällt.

Es folgen Rhönrad-Nummern, Schattenspiele mit Alicen in verschiedenen Größen und allerlei Gruppentänze mit meist diffusen Kostümen. Das Bewegungsrepertoire der Alice wirkt, selbst wenn man ihre Kindlichkeit berücksichtigt, schlicht, die einzige Figur, die im ersten Teil so etwas wie Charakter entwickelt, ist der Hutmacher, lasziv getanzt von Denis Piza.

In der Pause mag man Gedanken nachhängen, ob ein Buch, das von seinem Wortwitz lebt, nun einmal nicht in reine Bewegung umzusetzen sei. Um anschließend eine Überraschung zu erleben, denn was jetzt auf der Bühne passiert, ist wesentlich pointierter.

Strukturen treten klarer zutage, vor allem die Entwicklung der Alice, die nach all den wundersamen Begegnungen ihre Ausbrüche aus der Rolle des braven Mädchens zu riskieren beginnt. Zum Publikumsliebling wird Andreas Michael von Arb, der die Herzkönigin mit ihrer Vorliebe für willkürliche Todesurteile übergeschnappt tanzt, ohne die Disziplin zu vergessen. Das Schlussbild ist ein ganz großer Wurf: Während sich der Vorhang langsam schließt und im Hintergrund Figuren der Geschichte in Rhönrädern vorbeikullern, tanzt Alice ihr Solo, um durch dieselbe Tür zu verschwinden, durch die sie gekommen ist. Nicht wehmütig, sondern bereichert – sie wird nun der realen Welt anders begegnen können als zuvor. Ein merkwürdiger Abend mit viel Augenfutter und doch einigen Momenten, die nachhaltig berühren können.

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