INTERVIEW Florian Ackermann über die Freie Szene in der Coronakrise

„Bundesweit einmalig“

Florian Ackermann
+
Florian Ackermann

Bremen – Wenn es um Theater in der Coronakrise geht, ist meist die Rede von Staats- und Stadttheatern, die vor allem mit festen Ensembles arbeiten, die auch im Lockdown finanziell abgesichert sind. In der Freien Szene, die vor allem von Gastspielen lebt, ist das anders. In Bremen ist die Schwankhalle der Ort, an dem unabhängige Gruppen ihre Arbeiten zeigen. Wir haben bei Florian Ackermann, dem künstlerischen Leiter des Hauses, nachgefragt, wie sich die Corona-Maßnahmen auswirken.

Herr Ackermann, Sie arbeiten in der Schwankhalle mit Gruppen aus der Freien Szene. Was bedeutet der Teil-Lockdown für diese Künstler und die Arbeit Ihres Hauses?

Er bedeutet zunächst einmal, dass wir die geplanten Gastspiele und lokale Premieren verschieben oder andere Formate für sie finden müssen. Verschiebungen sind für uns immer eine große Herausforderungung. Die Kontexte, in die wir die jeweiligen Arbeiten gesetzt haben, lassen sich nicht einfach reproduzieren und es geht viel „Beziehungsarbeit” mit Künstlern und Publikum unwiederbringlich verloren. Das ist sowohl für uns als auch für die Künstler frustrierend. Zudem stellen sich viele Fragen, die sich kaum beantworten lassen: Ist es sinnvoll, ein Gastspiel von November auf Januar zu verschieben? Möchten wir den Ereignissen hinterherlaufen und unsere Spielpläne ständig neu anpassen, oder machen wir radikalere Setzungen, die spontaner auf die Geschehnisse reagieren können? Zumindest eines ist hoffnungsvoller als im vergangenen Lockdown: Unsere Säle und Probebühnen bleiben nicht leer, diesmal können Künstler aus der freien Szene weiter proben. Gerade arbeitet beispielsweise die Bremer Choreografin Birgit Freitag bei uns.

Wenn eine Vorstellung abgesagt wird, kann sie nicht einfach verschoben werden. Freie Gruppen sind darauf angewiesen, mit ihren Stücken auf Tournee zu gehen. Gibt es einen „Rückstau“, wenn die Bühnen geschlossen sind?

Ja, es gibt sogar schon einen „Rückstau“, den wir aus dem Frühjahr mitnehmen. Bei manchen Gastspielen und lokalen Premieren käme es, sollten wir im Dezember oder gar Januar noch geschlossen bleiben, bereits zur zweiten Verschiebung. Gerade Gastspiele können wir oftmals nur durch spezifische Förderungen zeigen, die sich nicht ohne Weiteres mitnehmen lassen, das macht die Planungsarbeit ziemlich komplex. Nicht alles werden wir unter diesen Umständen noch zeigen können, haben für solche Fälle aber auch Ausfallhonorare vorgesehen. Glücklicherweise gibt es mit „Neustart Kultur“ ein geradezu erstaunliches Paket an Bundesförderungen für Künstler, die darauf zielen, die Zeit in der vielleicht noch weitere Lockdowns drohen, für Konzeptions- und Probenarbeit zu nutzen. Das ist gerade für Bremer Künstler eine ganz neue Situation, weil hier zuvor selten Bundesmittel ankamen. Beispielsweise konnten wir über das Programm „Take Care Residenzen“, bei dem der Fonds Darstellende Künste zusammen mit dem Theaternetzwerk „Flausen“ Bundesmittel weiterleitet, zwölf stipendienartige Förderungen für Bremer Künstler vergeben. Sie arbeiten nun an Konzepten für halbwegs „krisenfeste“ Neuproduktionen oder auch Recherchen jenseits konkreter Produktionsvorhaben.

Sie machen trotz des Teil-Lockdowns Programm. Am Wochenende gibt es die Performance „Body Of Knowledge“ der australischen Künstlerin Samara Hersch. Das Stück war auf internationalen Bühnen zu sehen. Ist die digitale Version mehr als nur ein Stream?

Ich würde sogar sagen, die Arbeit ist das komplette Gegenteil von einem Stream. Das Prinzip ist eigentlich simpel: zunächst „versammeln“ sich die Zuschauer in einem Videochat, den man sich als eine Art virtuelles Theaterfoyer vorstellen kann. Inklusive Smalltalk, wenn man das möchte. Nach und nach beginnen dann überall die Telefone zu klingeln. Am anderen Ende der Leitung sind Jugendliche aus Australien, die das Stück zusammen mit Samara Hersch erarbeitet haben. Das ist der Beginn der eigentlichen Performance. Die Gespräche, die sich entwickeln, folgen natürlich einer bestimmten Dramaturgie, haben aber kein festes Drehbuch. Jeder erlebt etwas anderes und taucht für etwa eine Stunde in eine Situation ein, die sich weder vorhersehen noch wiederholen lässt. Anders als in vielen anderen Online-Formaten entsteht hier ein gemeinsames Live-Ereignis, das schon ziemlich nah an das Theatererlebnis herankommt, das wir alle gerade so sehr vermissen.

Der Bremer Senat hat gerade neue Hilfen für die Kulturszene beschlossen. Hilft das den Gruppen, mit denen Sie arbeiten?

Soweit ich das beurteilen kann, helfen die neuen Mittel sehr gezielt denjenigen, die nicht von den erwähnten Bundesmitteln profitieren können. Die Kulturbehörde hat auch ein Programm aufgesetzt, in dem die erforderlichen Eigenmittel für Bremer Künstler übernommen werden. Das ist bundesweit einmalig. Hier zeigt sich, wie fruchtbar der enge Austausch zwischen dem Landesverband freie Darstellende Künste Bremen als Vertretung der freischaffenden darstellenden Künstler und der Behörde ist. Der Landesverband hat sich auch mit einem Beratungsangebot für Antragsteller sehr dafür engagiert, dass möglichst viele Bremer Künstler von den Bundesprogrammen profitieren können.

Welche Pläne haben Sie für die kommenden Wochen?

Erstmal machen wir weiter mit unserem Onlineprogramm: In Kooperation mit der Universität Bremen gibt es zum Beispiel eine Zoom-Lesung der Graphic Novel „Madgermanes“ der Autorin Birgit Weyhe, die die bisher eher unbekannte Geschichte von mosambikanischen Vertragsarbeitern in der DDR erzählt und einen sehr ungewohnten Blick auf die unmittelbare Vorwendezeit wirft. Und wir streamen den Film „Walking:Holding“ der britischen Künstlerin Rosana Cade, in dem es um die gerade ganz grundlegende Frage nach Berührung im öffentlichen Raum geht. Unabhängig davon beschäftigen wir uns gerade damit, wie ein geschlossenes Theater trotzdem eine sinnvolle Funktion für seine Nachbarn übernehmen kann. In unmittelbarer Nähe der Schwankhalle leben sehr viele ältere Menschen, die der Lockdown besonders betrifft. Gemeinsam mit den Bremer Künstlerinnen Doris Weinberger und Johanna Pätzold wollen wir nun versuchen, mit künstlerischen Mitteln Kontakte aufrechtzuerhalten und vielleicht auch neue aufzubauen. Dabei sollen gar keine großen künstlerischen Würfe entstehen, sondern eher kleine, feine und lokal relevante Aktionen und Interventionen.

Sehen

Samara Hersch: „Body of Knowledge“: Freitag, 22 Uhr, Samstag, 21 Uhr, Sonntag, 11 Uhr, www.schwankhalle.de.

Von Rolf Stein

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

AfD beschließt sozialpolitisches Konzept

AfD beschließt sozialpolitisches Konzept

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

Die heilende Kraft der Aloe vera

Die heilende Kraft der Aloe vera

Meistgelesene Artikel

Festgefahren im Genre

Festgefahren im Genre

Festgefahren im Genre
„Die Pest“ von Albert Camus: Unerträglich unbekümmert

„Die Pest“ von Albert Camus: Unerträglich unbekümmert

„Die Pest“ von Albert Camus: Unerträglich unbekümmert
„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier

„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier

„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier
Geschichte mit den Füßen

Geschichte mit den Füßen

Geschichte mit den Füßen

Kommentare