Theater Bremen zeigt Lothar Kittsteins Schiller-Variation

Bühnen-Bürgschaft

+
So geht das: Thomas (Siegfried W. Maschek) lässt Anja (Eva Gosciejewicz) auch mal die Waffe halten. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierEin Attentat scheitert. Ein Mann wird zum Tode verurteilt. Ein Freud bietet sich zum Bürgen an. Und dann geht die Geschichte erst richtig los: mit Heldentaten in reißenden Flüssen, mit Abenteuern in der Wildnis, mit Kämpfen in finsteren Wäldern.

Natürlich gehört so was auf die Bühne und nicht in eine Gedichtesammlung. Es fällt deshalb kaum auf, wenn der Spielplan des Bremer Theaters ganz selbstverständlich Friedrich Schillers „Bürgschaft“ vorsieht.

Dabei handelt es sich ja eigentlich um eine Ballade. Und tatsächlich ist es auch gar nicht Schillers Stück, das am Donnerstagabend im Brauhauskeller Premiere hatte, sondern vielmehr ein Werk des Dramatikers Lothar Kittstein. Weil aber sowohl der Autor als auch sein Publikum bei diesem Titel natürlich unweigerlich an den Klassiker denken, hat Regisseur Konradin Kunze gleich mal das Original ausgerollt. Als weißer Teppich erstrecken sich die hehren Verse über den Boden (Bühne: Christa Beland): ein mehr dekoratives denn inhaltlich begründetes Element, wie sich zeigen sollte.

Schillers Bürgschaft ist ein Drama für drei, worauf nicht zuletzt die Schlussszene verweist („in eurem Bunde der Dritte“). Auch Kittstein schickt ein Trio auf die Bühne. Zunächst einmal den Investmentbanker Gerd (Martin Baum) mit dessen Frau Anja (Eva Gosciejewicz). Und dann ist da auch noch Thomas (Siegfried W. Maschek): Er kommt unversehens als Überraschungsbesuch ins traute Einfamilienhäuschen hereingeschneit, ein alter Bekannter, der mal wieder guten Tag sagen will. Doch dann stellt sich heraus, dass er noch ein weiteres Anliegen hat: 85 000 Euro in bar und zwar sofort – als letzte Rate für das aus Osteuropa besorgte Baby.

Das kommt Gerd allerdings reichlich ungelegen. Infolge der Finanzkrise nämlich, erklärt er, seien die Bankgeschäfte zuletzt nicht so gut gelaufen. Bis morgen, halb zwölf, habe er Zeit, erwidert Thomas ungerührt: Bis dahin blieben die Kleine und die Ehefrau zum Pfand.

Was folgt, ist eine Hatz durch die Nacht einerseits, eine Plauderstunde im Wohnzimmer andererseits. Denn während Thomas versucht, binnen zwölf Stunden 85 000 Euro aufzutreiben, muss Kittsteins „Tyrann“ der daheimgebliebenen Ehefrau Anja die Zusammenhänge erklären: dass die Adoption des Kindes nicht so günstig war wie sie dachte. Und dass er diese Familie leider auslöschen müsse, sollte Gerd ohne Geld zurückkommen – die Pistole befinde sich in der Tasche.

Man darf nach Logik nicht fragen bei diesem Gangsterstück im Neubauviertel. Warum Gerd sich nicht der Polizei anvertraut, weshalb Anja den Peiniger nicht erschießt, als sie seine Waffe entwendet: Das alles ist unwichtig, weil allein dadurch diese herrlich absurde Szenenfolge möglich wird.

Erst fängt sich Gerd bei sämtlichen Geschäftspartnern eine Abfuhr ein, dann nervt ihn an der Bushaltestelle auch noch ein Passant (Siegfried W. Maschek) mit Belanglosigkeiten. Sein alter, kranker Vater (Siegfried W. Maschek) hat sein ganzes Geld schon längst der Pflegerin „mit den großen Melonen“ zugesteckt. Und die Chefin in der Bank (Eva Gosciejewicz) glaubt, Gerd sei schlicht besoffen. Das ist kurzweilig, weil dauernd Reibung entsteht: zwischen dem vermuteten Reichtum eines Bankers und seiner tatsächlichen Geldnot, zwischen der unterstellten Gier und der realen Existenzangst, zwischen Engelsgeduld und eiliger Hast.

Bis auf das etwas exzessiv eingesetzte Stilmittel eines Fotoblitzes inszeniert Konradin Kunze dieses Stück wunderbar schnörkellos, was seine Schauspieler dankbar annehmen. Großartig ist etwa, wie Martin Baum in seiner Figur die innere Rastlosigkeit mit dem äußeren Zwang zur Gelassenheit verbindet. Eindrucksvoll auch Eva Gosciejewicz als vordergründig naives, in Wahrheit aber ausgekochtes Ding. Und Siegfried W. Maschek schließlich überzeugt als dubioser Geschäftsmann aus der Unterwelt.

Ein Dreierbund, wie Schillers Tyrann ihn sich erwünscht, kommt bei Kittstein freilich nicht zustande: Was in der Ballade bewusst offen bleibt, findet auf der Bühne eine unmissverständliche Antwort. Nur die Logik bleibt auf der Strecke – aber das hatten wir ja schon.

Weitere Vorstellungen: am 23., 25. und 30. November, jeweils um 20.30 Uhr im Brauhauskeller am Theater Bremen. Tickets unter Tel.: 0421/3653333

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Gladbach besiegt die Bayern - auch Leipzig und BVB gewinnen

Gladbach besiegt die Bayern - auch Leipzig und BVB gewinnen

Moisander nimmt die letzte Hürde - Fotostrecke vom Werder-Abschlusstraining vor SCP

Moisander nimmt die letzte Hürde - Fotostrecke vom Werder-Abschlusstraining vor SCP

Heimsieg für Hannover 96 - VfL Osnabrück rückt vor

Heimsieg für Hannover 96 - VfL Osnabrück rückt vor

Empfang für die Feuerwehren in der Gemeinde Weyhe

Empfang für die Feuerwehren in der Gemeinde Weyhe

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Deutliche Worte

Deutliche Worte

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Kommentare