Programm der „KunstFestSpiele Herrenhausen“

Buchstäbliche Publikumsbewegung

Prolog im Georgengarten: Der „Maibaum“ von Jordi Galí bei den Kunstfestspielen Hannover. - Foto: Jean Pellaprat

Hannover - Von Jörg Worat. „Ich möchte“, sagt Ingo Metzmacher, „das Publikum in Bewegung setzen.“ Das ist dem international renommierten Dirigenten im vergangenen Jahr, als er erstmals für das Programm der „KunstFestSpiele Herrenhausen“ verantwortlich zeichnete, zweifellos gelungen: 15.000 Besucher sorgten für eine Auslastung von über 90 Prozent, wobei Metzmacher der Spagat zwischen Anspruch und Attraktivität besser gelang als seiner Vorgängerin Elisabeth Schweeger, deren gewiss interessante Programme immer ein wenig den Hauch des Elitären verströmt hatten.

Vom 5. bis zum 21. Mai steht nun Metzmachers zweite Saison an, und bei der gestrigen Pressekonferenz wurde schnell klar, dass der gebürtige Hannoveraner sein Erfolgsrezept nicht einfach nur kopieren, sondern auch frische Akzente setzen will. So gibt es diesmal einen „Prolog“ im Georgengarten: Der spanische Künstler Jordi Galí und sein Team werden vom 1. bis zum 3. Mai weithin sichtbar täglich ein riesiges Netz aus Schnüren weben und so ein Werk schaffen, das während der Entstehung einen choreographischen und in der Gesamtwirkung einen skulpturalen Anteil hat.

Metzmacher bleibt zudem seiner Linie treu, neue Veranstaltungsorte außerhalb Herrenhausens einzubinden. Das ist diesmal unter anderem das Kulturzentrum Pavillon am Raschplatz – kein ganz unproblematischer Ort, da sich in unmittelbarer Nähe eine Trinkerszene etabliert hat. Eben hier wird, vom Intendanten persönlich dirigiert, am 5. Mai das Eröffnungskonzert stattfinden, bei dem das Ensemble Musikfabrik und ein britisches Jazz-Quartett das Stück „Blood on the Floor“ von Mark-Anthony Turnage spielen. Es bezieht sich auf ein Gemälde von Francis Bacon, und der Komponist hat sich laut Metzmacher „nicht von den Ideologien einschüchtern lassen, die es in der Neuen Musik ja häufig gibt. Das Stück ist manchmal geradezu funky.“

Im weiteren Gespräch erweist sich, dass der Wunsch nach Publikumsbewegung diesmal auch wörtlich zu verstehen ist: „Ich wollte einige Programmpunkte haben, bei denen die Besucher mitmachen.“ Das wird etwa am 6. und 7. Mai im Galeriegebäude der Fall sein, wenn es bei der Musiktheater-Installation „Das Stereoskop der Einzelgänger“ ein Labyrinth aus Kartons zu erforschen gilt. Regisseurin Ingrid von Wantoch Rekowski, Bühnenbildner Fred Pommerehn und Komponistin Ana Maria Rodriguez haben sich das Projekt ausgedacht. Nicht genug damit, wechselt das Publikum im zweiten Teil des Abends in die benachbarte Orangerie, um dort „Richters Patterns“ zu erleben, musikalisch untermalte Mutationen aus Bildern des weltberühmten Malers Gerhard Richter.

Und hat die „normale“ Klassikmusik hier auch eine Chance? Jein. Denn zwar stehen Präludien und Fugen von Schostakowitsch (mit Alexander Melnikov am 11. Mai in der Orangerie) ebenso auf dem Programm wie Bach-Cello-Suiten (gespielt von Jean-Guihen Queyras am 19. Mai in der Galerie), aber jeweils komplett, so dass beide Abende die Drei-Stunden-Grenze locker knacken: „Es sollen eben Konzerte werden, die so nur bei diesem Festival zu erleben sind“, betont Metzmacher.

Und selbst das ist noch zu toppen. 2016 gab es einen richtigen Kracher, als sich für die „Gurre-Lieder“ rund 500 Mitwirkende, darunter zwei komplette Orchester und neun Chöre, im Kuppelsaal einfanden. Auch diesmal ist ein besonders spektakulärer Programmpunkt angesagt, und zwar zum Festivalabschluss: Am 21. Mai ist die Stöckener Gleisfeldhalle des hannoverschen Transporter-Werks von Volkswagen-Nutzfahrzeuge Ort des Geschehens, wenn Dirigent Metzmacher und das Ensemble Modern Orchestra den symphonischen Orchester-Zyklus „Surrogate Cities“ von Heiner Goebbels zu Gehör bringen und der Komponist vor Ort die Lichtregie besorgt. „Das erfordert eine ganz besondere Logistik“, sagt der Intendant. „Denn das ist keine dieser verlassenen Fabrikhallen, die nachträglich für Veranstaltungen auf schick getrimmt werden, sondern hier wird tatsächlich gearbeitet.“

Metzmacher fiebert diesem Datum übrigens noch aus einem anderen Grund entgegen: „Es ist der letzte Spieltag der 2. Bundesliga“, erklärt der bekennende Fußballfan mit Blick auf den möglichen Aufstieg von Hannover 96. „Vielleicht haben wir dann ja doppelt Grund zum Feiern.“

Der Vorverkauf hat begonnen, nähere Informationen unter kunstfestspiele.de.

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