Knarf Rellöm präsentiert Buch-Debüt

„Wir müssen die Vergangenheit endlich Hitler uns lassen“: Hanseaten vom Mars

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Syke - Knarf Rellöm hat ein Buch geschrieben. Und das fängt bereits mit der ungeheuerlichen Möglichkeit an, dass es eventuell hier oder da Menschen gibt, die nicht so ganz genau wissen, wer dieser Rellöm eigentlich sein soll. Diese erste kurze Geschichte spielt in den 90ern und geht so: Elvis Costello gibt schon heute Abend ein Konzert in Hamburg und Knarf Rellöm soll kurzfristig den Support machen, weil (und das ist wichtig) Die Sterne keine Zeit haben und Tocotronic auf Tour sind.

Tatsächlich geht es in dem Buch, „Wir müssen die Vergangenheit endlich Hitler uns lassen“ zwar nicht nur, aber doch immer wieder, um Interna der Hamburger Schule. Gleich zweimal kommt zum Beispiel die Beobachtung vor, dass die Songzeile „Freunde, ich hab Freunde und die lassen mich niemals allein“ sehr anders wirkt, wenn Tocotronic sie anstelle von Rocko Schamoni singen: trauriger nämlich und sonderbarerweise gleichzeitig wütend. Um solche dezenten Spannungen geht es also, was gerade nicht wahnsinnige Breite meint, sondern im Gegenteil eine persönliche und enge Einkreisung der Hanseaten-Avantgarde. DJ Koze kommt auch kurz vor, die Goldenen Zitronen sowieso.

Wer die alle nicht kennt, wird sich – kurz gesagt – wahrscheinlich auch mit diesem Buch eher schwertun. Für alle anderen, ist wunderschön, auch wenn weite Teile nicht neu sind: es sind diverse Songtexte von Rellöms wechselnden Bandprojekten (Die Zukunft, Umherschweifende Produzenten, A Tribe Called Knarf) abgedruckt – und ein paar Erzählstücke, die so auch schon mal in der Testcard standen, oder in dem Lesebuch „This Book is Tocotronic“ (Leander Verlag, 2013).

Interessant ist das Buch trotzdem, zumal gerade die Lyrics gelesen auch nochmal ganz neue Qualitäten entwickeln und stimmig aufgehen im Konvolut so unterschiedlicher Textformen und -verständnisse. Es sind auch Cut-up-Experimente dazwischen: Knarf Rellöm sitzt mit der Fernbedienung auf dem Sofa und zappt so lange, bis ihm der nächste interessante Satz für seinen Text unterkommt. Und dann die Sache mit der Urheberschaft: „Wir müssen die Vergangenheit Hitler uns lassen“ erinnert schon auf dem schönen Textmontage-Cover daran, dass die Idee nicht neu ist, das Titelblatt damit vollzuschreiben, was ein Cover ist und welche Interessen dahinter stehen. Sie kommt von der englischen Band XTC, die eines ihrer Alben (ich glaube, es war die „Go 2“) mit so einem Erklärtext über das äußerliche Bewerben beworben hat.

Bemerkenswert ist dann auch, dass in einem Buch, das zum Großteil aus dem Abdruck von Songtexten besteht, auch Titel auftauchen, die man gar nicht unbedingt Rellöm zugeschrieben hätte: Sein „Krieg-Song“ ist etwa in der Version der Goldenen Zitronen berühmt geworden. Und dass Franz Josef Degenhardt ihn mal als den besten Zitronen-Song bezeichnet haben soll, hat Rellöm natürlich auch im Buch noch unten drunter geschrieben. Diese Geschichte steht für Verortungen in der Szene und ihrem kollektiven Werk. Und das ist wirklich schön, wo Rellöm sich doch sonst so schwertut mit solchen Ortsbestimmungen: „Ihr meint wir wären aus Hamburg / Nein das sind wir nicht / Wir sind auch nicht aus Deutschland / Nein wir sind vom Mars“ dichtet er selbst – während Rocko Schamoni auf dem Klappentext nachlegt: „Knarf Rellöm ist mein liebster europäischer Künstler aus Hamburg.“

Lesen

Knarf Rellöm: „Wir müssen die Vergangenheit endlich Hitler uns lassen“, Ventil Verlag, 152 Seiten, 15 Euro.

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