Bruggaiers Kulturwochen

Wir werden alle kurzsichtig

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Landschaftsbild "'Thousands are sailing II, North Kivu, Eastern Congo", 2012, von Richard Mosse.

Was war? Was wird? Bruggaiers Kulturwochen schauen hin.

Was war?
Menschen, die für zwei Wochen auf dem Jakobsweg seelische Erneuerung suchen, berichten anschließend von einer seltsamen Erfahrung. Statt ihrer Seele nämlich, so sagen sie, habe sich beim Wandern etwas ganz anderes erneuert: ihre Augen. Im Alltag reicht deren Blick kaum noch weiter als bis zum nächsten Bildschirm. Der Winkel beschränkt sich auf die Breite einer Autobahn, die Distanz ist auf die hundert Meter bis zur nächsten Ampel beschränkt. Was darüber hinausreicht, findet allenfalls in Hollywoodfilmen statt, im Flachbildfernseher zusammengepresst auf ein Rechteck von 40 Zoll – Weite und Entfernung als bloße Illusion. Und dann das: Landschaft! Endlose Felder, irgendwo dort hinten ein Baum, und kurz vor dem Horizont eine Hügelkette. So weit kann der Mensch also blicken! Die Bremer Weserburg zeigt Landschaftsbilder aus vier Jahrhunderten. Auffällig ist dabei, wie weit der Blick der Alten Meister reicht – und wie kurz jener der Neuen.

Im Barock erstreckt sich eine Landschaft noch über viele Meilen hinweg, verschwindet irgendwo im Dunst der Abendsonne. Bei Gerhard Richter dagegen: Wilhelmshavener Straßenlaternen im trüben Nebel. Man kann kaum die Hand vor Augen sehen. Laut einer Studie nimmt in den Industrienationen die Kurzsichtigkeit rasant zu. In einigen asiatischen Metropolen sollen bereits 90 Prozent der Bevölkerung kaum weiter blicken können als bis zum nächsten Straßenschild. Was bedeutet das für unsere Kultur? Kurzsichtigkeit, sagen Experten, verursache ein Bedrohungsgefühl: Betroffene, zu denen ich mich selbst zählen darf, ängstigten sich verstärkt vor äußeren Umständen, Situationen und Menschen. Sie neigten dazu, sich zurückzuziehen in ihre vertrauten vier Wände. Eine kurzsichtige Gesellschaft, so lässt sich also befürchten, wird auch kurzsichtige Entscheidungen treffen: getrieben von einer diffusen Angst statt von sachlichen Argumenten. Wir sollten öfter wandern gehen.

Was wird?
„Ich hörte gestern – werden Sie es glauben? – zum zwanzigsten Male Bizets Meisterstück.“ Nein, das werden wir nicht glauben. Nicht Friedrich Nietzsche, diesem finsteren Gesellen. Nicht zwanzig Mal dieser Carmen-Kitsch mit dem selbst ernannten Antichristen als naiven Schwärmer zu „Ja, die Liebe hat bunte Flügel“. Und wenn doch, muss das einen Haken haben. Hat es auch. Denn Nietzsches Carmen-Lob dient vor allem zur Diskreditierung Richard Wagners. Was hätte den diese Lektüre gewurmt, wäre sie ihm zu seinen Lebzeiten noch vergönnt gewesen: von Nietzsche ausgerechnet gegen diese süßliche Stierkampf-Romantik ausgespielt zu werden! Und dann findet sich in dieser Torero-Kiste auch noch tatsächlich ein zutiefst nietzscheanischer Aspekt: die Liebe als todbringende Kraft. Wo Wagner sentimental „höhere Jungfraun“ walten lässt („Der fliegende Holländer“), herrscht bei Bizet „die Liebe als Fatum: zynisch, unschuldig, grausam“. Wer liebt, will besitzen. Wer aber nicht besitzen darf, greift zur Waffe. „Ja! Ich habe sie getötet, meine angebetete Carmen!“, ruft Don José, der Mörder aus Liebe: am Samstag im Bremer Theater.

Termine:
Mittwoch, 22 Uhr, Staatstheater Oldenburg: Bingo-Bongo-Bude mit Lisa Jopt. Zu Gast: Wolfram Lotz.
Freitag, 20 Uhr, Kirche Unser Lieben Frauen, Bremen: „Bach to the roots“, Premierenkonzert des Bremer Barockorchesters.
Samstag, 19.30 Uhr, Theater Bremen: Carmen, Premiere.
Sonntag, 11 Uhr, Glocke Bremen: 8. Philharmonisches Konzert mit „Messiah“

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