Bruggaiers Kulturwochen

Nie mehr „Gefällt mir halt“

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Syke - Bruggaiers Kulturwochen werfen einen Blick auf das, was war und das, was wird. 

Was war?

Künstlerische Qualität lässt sich endlich wieder beweisen, jedenfalls in der Bremer Kunsthalle. Dort sind seit Mittwoch Grafiken aus der italienischen Renaissance zu sehen, einer Zeit, als Kunst noch Handwerk und als solches klaren Regeln unterworfen war. Goldene Zeiten, wie ich finde. Weil im Unterschied zur heute vorherrschenden „Gefällt mir halt“-Mentalität noch Argumente zählten. Wessen Herz für literarischen Schund schlug, musste sich dafür schon rechtfertigen, und dazu gehörte weit mehr als der Verweis auf persönlichen Geschmack. Nur deshalb konnte sich an der weltberühmten Laokoon-Gruppe, in Bremen auf gleich drei Kupferstichen abgebildet, ein folgenreicher Streit um ästhetische Kriterien entzünden: eine Auseinandersetzung, die deutsche Dichter und Philosophen bis in die Frühzeit der Romantik hinein in Atem hielt.

Einen Besuch der Bremer Ausstellung kann ich nur vorbehaltlos empfehlen. Mehr noch aber empfehle ich die Beschäftigung mit dem sogenannten Laokoon-Diskurs. Und hier insbesondere die Lektüre eines Essays, das in seiner rhetorischen Brillanz seinesgleichen sucht: Gotthold Ephraim Lessings „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“. Das Argument „Gefällt mir halt“ werden Sie danach aus ihrem Wortschatz streichen.

Was wird?

Das Bremer Musikfest. Und das hat gleich morgen womöglich schon seinen interessantesten Gast im Programm: Fazil Say, türkischer Pianist und Komponist, darüber hinaus verurteilter Straftäter. Letztgenannte Bezeichnung verdiente er sich vor rund zwei Jahren mit Sprüchlein, die er über die Kommunikationsplattform Twitter verbreitet hatte. Darin ging es etwa um etwaige geheime Liebschaften von Muezzinen oder um Zusammenhänge von Religion und Verbrechen: Grund genug für die 19. Strafkammer des Istanbuler Friedensgerichts, ihn wegen Blasphemie zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe zu verurteilen.

Kunst- und Meinungsfreiheit, das erfährt in der Türkei eben eine andere Interpretation als hierzulande. Zumindest was die Musik betrifft, scheint mir aber aus diesem Umstand eine Kraft zu erwachsen, die ich bei vielen von der mitteleuropäischen Liberalität verwöhnten Künstlern oft vermisse.

Fazil Says Musik bewegt sich meist im tonalen Spektrum, offenbart ein als solches klar definierbares Thema und steht deshalb unter Kitschverdacht, jedenfalls für die Neutönerszene unserer Breitengrade. Tatsächlich aber gelingt ihr lediglich jene Rückkopplung in die Wirklichkeit, von der andere zeitgenössische Komponisten nur träumen können. Ihr gelingt das, weil sie sich noch an gesellschaftlichen Widerständen zu reiben vermag, die sie vor Beliebigkeit ebenso schützen wie vor intellektueller Selbstgefälligkeit.

Dienstag, 20 Uhr, Glocke Bremen: Konzert mit Fazil Say (Klavier), Marianne Crebassa (Mezzosopran) und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Kristjan Järvi.

Donnerstag, 20 Uhr, Glocke Bremen: „Combattimento – Ein Fest für Monteverdi“ mit Rolando Villazón (Tenor), Lennek Ruiten (Sopran), Emiliano Gonzalez Toro (Tenor) und Le Concert d‘Astrée unter der Leitung von Emmanuelle Haïm.

Freitag, 20 Uhr, BLG-Forum Bremen: „The Valley of Astonishment“ von Peter Brook und Marie-Hélène Estienne.

Samstag, 16-24 Uhr, St. Petri Dom Bremen: „Multiple Voices – The Tallis Project“ mit Terry Wey (Countertenor) und Ulfried Staber (Bass), Eintritt frei.

Sonntag, 20 Uhr, Glocke Bremen: Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 9 D-Dur mit den Bremer Philharmonikern unter der Leitung von Markus Poschner.

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