Bruggaiers Kulturwochen

Ein schwarzes Loch

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BU: Und am Ende bleibt von den in der Schule besprochenen Klassikern nur eins: ein schwarzes Loch.

Was war? Was wird? Bruggaiers Kulturwochen schauen hin.

Was war?
Ich habe in der vergangenen Woche zum 134. Mal eine Premiere des Bremer Theaters besprochen. Blicke ich auf die vergangenen 15 Jahre zurück, so komme ich außerdem auf 69 Premieren am Oldenburgischen Staatstheater, 28 an den beiden großen Hamburger Häusern (Thalia und Deutsches Schauspielhaus) sowie 20 am Schauspielhaus Hannover. Das sind 251 Schauspielabende – Vorstellungen von Ensembles wie der Bremer Shakespeare Company, dem Jungen Theater Bremen (Gott habe es selig) oder den Gasttruppen des Oldenburger Pazz-Festivals nicht eingerechnet. Manche Abende dauerten gerade einmal sechzig Minuten, andere zogen sich über dreieinhalb Stunden hin.

Laurent Chétouanes tödlich langweiliger „Don Karlos“ am Deutschen Schauspielhaus (2006) begann um sieben Uhr und endete um Mitternacht. Das war aber noch nichts gegen Nicolas Stemanns grandiosen „Faust I und II“ am Thalia Theater (2011): Wo mir Chétouane fünf Stunden meines Lebens stahl, schenkte mir Stemann acht zurück. Bei einer geschätzten durchschnittlichen Dauer von zweieinhalb Stunden komme ich auf 627 Stunden und 30 Minuten Theater, das sind etwas mehr als 26 Tage und Nächte. Ich schreibe das hier hin, weil ich mich frage, was ich eigentlich die übrige Zeit so getrieben habe. Denn anders als bei diversen Fußballübertragungen und ehrlich gesagt auch im Unterschied zu so manchem Konzert oder Ausstellungsbesuch ist mir jede einzelne Theaterpremiere noch in Erinnerung – dachte ich jedenfalls bis jetzt.

Beim Durchsehen meiner Artikel allerdings bin ich nun auf ein schwarzes Loch gestoßen: Allem Anschein nach habe ich im Herbst 2006 im Bremer Theater gesessen und ein Stück gesehen, das bezeichnender Weise „Die Dunkelheit“ heißt. Irene Kleinschmidt, entnehme ich meinen eigenen Zeilen von damals, habe ihre Sache darin ordentlich gemacht. Entschuldigen Sie, Frau Kleinschmidt, aber nach neun Jahren herrscht in diesem Teil meines Gedächtnisses nur noch: Dunkelheit.

Was wird?
Also meine Theorie geht ja so: Außer Goethe gibt es keine Alleskönner in der Literatur. Ein guter Lyriker zum Beispiel ist ein grauenhafter Theaterautor. Wer das anzweifelt, soll nur mal Heines rührende Tragödienversuche lesen. Ein guter Theaterautor dagegen ist ein grauenhafter Lyriker. Wer hier protestiert, darf gerne gleich mal Schillers Rumpelverse aus der „Glocke“ auswendig lernen. Und wer als Prosaautor besticht, kann meist weder auf der Bühne noch in der Lyrik überzeugen: Beweise siehe Thomas Mann.

Meine Theorie ist über jeden Zweifel erhaben, solange man die Moderne ausklammert. Spätestens bei James Joyce nämlich geht es schon los. Ist „Ulysses“ ein Roman, auch wenn sein längstes Kapitel die Gestalt eines Dramas hat? Und wenn Joyce gleichwohl als Romancier gefeiert wird, zeigt dann nicht allein schon dieses Kapitel, dass er es auch für die Bühne drauf hat? In Hamburg lässt sich das jetzt nachprüfen: Sein einziges wirkliches Drama ist dort am Thalia Theater zu erleben.

Termine:
Donnerstag, 20 Uhr: Markus&Markus Ibsen: Gespenster, Schwankhalle Bremen.

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