Bruggaiers Kulturwochen

Nett ist nicht grauenhaft

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Nicht immer gemein sein: Nett kann auch eifach mal nett bedeuten.

Was war? Was wird? Bruggaiers Kulturwochen schauen hin.

Was war?
Es gibt ein seltsames Kritikverständnis in Teilen der Theaterszene, und in der vergangenen Woche habe ich es wieder mal gleich mehrfach erleben dürfen. Wer von einer „durchaus netten“ Premiere berichtet, von einer „soliden“ Inszenierung, die auf „ordentlichem Niveau“ unterhält – der hat‘s nach Meinung solcher Beobachter dem Ensemble aber so richtig gegeben. Ein böseres, vernichtenderes, gehässigeres Urteil sei nicht denkbar, heißt es dann. Weil „nett“ nichts anderes bedeute, als dass ein Theater, das ja immer auf Spektakel, Irritation, Rebellion aus sei, komplett seine Wirkung verfehlt habe. Schreibe ich dagegen, der Abend sei entsetzlich gewesen, eine grauenhafte Ansammlung billigster Regieeinfälle und idiotischster Plattitüden, so fühlt man sich erst angemessen gewürdigt und bedankt sich artig für die schönen Worte.

Diese Haltung entstammt einer Zeit, in der „solide“ tatsächlich nichts anderes bedeutete als das museale Abspielen eines Textes. Doch diese Zeiten sind vorbei. Selbst das konservativste Publikum sieht heute in der Subversion das zwingende Anliegen eines jeden Theaterabends. Wer von einer „netten“ Vorstellung spricht, der schließt deshalb die auf den Bühnenboden pinkelnden Nackten ganz selbstverständlich in sein Urteil mit ein und legt nahe, dass es ein gewisses Maß an Verstörung gegeben hat. Ich für meinen Teil halte wenig von einem Theaterchinesisch, das „grauenhaft“ meint, wenn es „solide“ sagt und „großartig“ findet, was es „furchtbar“ nennt. Für einen wirklich entsetzlichen Abend habe ich eine ganz besondere Vokabel parat: „entsetzlich“.

Was wird?
Wer als Künstler nicht am Staatstheater oder im Opernorchester beschäftigt ist, der gehört der so genannten „freien Szene“ an. Hervorstechendes Merkmal dieser Zunft ist, dass sie „frei“ ist. Was bedeutet: Jeder darf sein Glück versuchen, alles ist erlaubt, keine Institution in Sicht, die hier irgendwelche Vorgaben oder Einschränkungen formulieren würde. So jedenfalls lautet die Idee. In Bremen ist das bis zuletzt etwas anders gelaufen. „Freie Szene“ war dort, was in der eigens für sie eingerichteten Schwankhalle zu sehen war. Was dort aber zu sehen war, bestimmte über mehr als ein Jahrzehnt hinweg ein kleiner Kreis miteinander allzu vertrauter Persönlichkeiten des lokalen Kulturlebens.

Wer dieser Clique fernstand, hatte wenig Aussichten, in Bremen ein Bein auf den Boden zu bekommen. Das galt für unbekannte Künstler ebenso wie für große Nummern: Die interessantesten Gruppen der freien Theaterszene etwa haben um Bremen stets einen Bogen gemacht und traten lieber in Oldenburg auf. Am Mittwoch will sich nun das neue Schwankhallen-Führungsteam der Presse vorstellen. Pirkko Husemann und Florian Ackermann kommen aus Berlin und Frankfurt, weit weg vom Bremer Klüngel: Vielleicht ist die Schwankhalle ja bald ein Ort für die freie Szene.

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