Bruggaiers Kulturwochen

Der Liederleser

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Alternativlosigkeit kommt in Europa offenbar doch nicht so gut an: Ann Sophie bekam in Wien vernichtende null Punkte.

Was war? Was wird? Bruggaiers Kulturwochen schauen hin.

Was war?

Zu meinen liebsten Terminen im Jahr zählt das Treffen mit Christoph Ogiermann. Ich kann mich noch gut an unser erstes Gespräch erinnern. Damals quälte sich Lena Meyer-Landrut mit wackeliger Stimme durch ein Liedchen, das dem europäischen Fernsehpublikum als Qualitätsausweis deutscher Tonkunst präsentiert werden sollte. Ich war aus irgendwelchen Gründen auf den Gedanken gekommen, dieses Werkchen für den „Eurovision Song Contest“ könnte mal den Kommentar eines Komponisten vertragen: eine künstlerisch substanzielle Analyse, geleistet von jemandem, in dessen Ohren schon komplexere Harmonien gedrungen sind als die ersten drei Stufen des Quintenzirkels. Doch Ogiermann ging auf die Harmonien gar nicht ein. Ihn interessierte vielmehr der akustische Nichtraum, diese völlige Eliminierung des Nachhalls. Er fragte, warum jemand so eine künstliche, klinisch reine Akustik herstellt und vermutete die Antwort in dem schlichten Umstand, dass es wohl ein Publikum geben müsse, das diese künstliche Akustik schätzt. Er fragte dann, was das Publikum an einem solchen keimfreien Raum nur finden mag, und kam bald auf den Hygienewahn in unserer Gesellschaft zu sprechen.

Irgendwann hatte er aus einem sagenhaft läppischen Liedchen ein hochinteressantes Gemälde der Ängste und Sehnsüchte unserer Zeit herausgeschält. Seither liege ich ihm jedes Frühjahr aufs Neue in den Ohren, er möge für uns doch bitte den aktuellen deutschen Beitrag zum „Eurovision Song Contest“ zerpflücken. Mal klappt es sofort, mal muss ich lange betteln. Aber immer kommt dabei am Ende eine Interpretation heraus, die mehr über unser Leben in unserer Zeit aussagt, als so manches Werk der Hochkultur.

Was wird?

Das Bremer Literaturfestival „poetry on the road“ feiert seine Eröffnung stets einige Tage nach der Eröffnung. Wenn sich die Dichter aus aller Welt im Theater Bremen zur großen Antrittslesung einfinden, haben mindestens zwei Veranstaltungen bereits stattgefunden. Die Ausstellung zum Festival läuft diesmal sogar schon seit mehr als einer Woche – von „Eröffnung“ kann da kaum noch die Rede sein. Macht aber auch nichts: Denn angesichts der immer wieder hochklassigen Gästeliste dürften sie diese „Eröffnung“ von mir aus gerne auch noch vier Wochen nach Ende des Festivals feiern.

Termine: Dienstag, 20 Uhr, Pier 2 Bremen: Farin Urlaub Racing Team. Freitag, 20 Uhr, Theater Bremen: Eröffnung „poetry on the road“, u.a. mit Gerhard Rühm, Michael Krüger, Nora Gomringer und Durs Grünbein. Samstag, 19 Uhr, Städtische Galerie Bremen: Eröffnung der Ausstellung „Im Rausch“.

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