Kultur kennt keinen Fortschritt

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Kavvallerie

Was war? Was wird? "Bruggaiers Kulturwochen" schauen hin.

Was war?

In Bayreuth hat wieder der alljährliche Wagnerzirkus begonnen. Und weil die Festspielleitung aus Castorfs „Ring“-Inszenierung angeblich ein NPD-Plakat entfernern wollte, hat dieser nun im „Spiegel“ darüber geklagt, dass der ganze Laden auf das Niveau „eines Stadttheaters“ zurückfalle. Zurück? Tatsächlich dürfen sich Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, die beiden Halbschwestern im Olymp über dem grünen Hügel, glücklich schätzen, sollte ihr Haus jemals das Niveau eines ganz gewöhnlichen Stadttheaters erreichen.

Dort gibt es immerhin mehr als bloß einen einzigen Hauskomponisten, über die Intendanz entscheidet statt des Nachnamens die Befähigung, und mit etwas Glück bleibt man auch von so plakativen Requisiten wie NPD-Plakaten verschont. Vor allem bin ich dort noch nie grinsenden Politikern auf roten Teppichen begegnet. Das liegt zum einen natürlich daran, dass es vor ganz gewöhnlichen Stadttheatern solche Teppiche gar nicht gibt. Zum anderen aber, dass solchen Entscheidungsträgern im Theater selbst noch so etwas Unangenehmes wie eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit droht. An diese Möglichkeit hatte in Bayreuth bis zuletzt auch Castorf geglaubt. In Wahrheit, klagt er nun, gehe es den Festspielchefinnen aber „nur um Machterhalt“. Machterhalt? In Bayreuth? Nicht zu glauben!

Was wird? 

Heute vor hundert Jahren erklärte Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg. Zahlreiche Publikationen sind anlässlich des Gedenkjahrs zum Ersten Weltkrieg erschienen. Mir fällt bei ihrer Lektüre auf, wie unterschiedlich sein Beginn in der deutschsprachigen Bevölkerung interpretiert worden ist. Da stehen optimistische Prognosen einer raschen Heimkehr siegreicher Soldaten neben dunklen Vorahnungen der kommenden Katastrophe. Beide Perspektiven scheinen mir einem gemeinsamen Fortschrittsglauben entsprungen zu sein: Die einen glaubten an einen kulturellen Fortschritt nach Kant und Hegel, der aufgeklärte Gesellschaften künftig vor militärischem Irrsinn schützt. Die anderen glaubten an einen technologischen Fortschritt, dessen Waffen Europa bald in ein Menschenschlachthaus verwandeln würden. Dass die Idee eines kulturellen Fortschritts auf ganzer Linie scheiterte: Darin manifestiert sich für mich die geistige Tragödie des ersten Weltkriegs.

Tipps

Dienstag, 20 Uhr, Kulturkirche St. Stephani, Bremen: Erich Kästner, eine Revue.
Freitag, 19 Uhr, Landesmuseum Oldenburg: Eröffnung der Ausstellung „Michael Cleff – Über fast rechte Winkel“.

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