Bruggaiers Kulturwochen

Justiz rettet vor Vergangenheit

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Dass diese Zeitmaschine funktioniert, ist noch zu beweisen. Doch selbst wenn: Unser Leben dürfte sie kaum nennenswert beeinflussen können.

Was war? Was wird? Bruggaiers Kulturwochen schauen hin.

Was war?

Was war, lässt sich nicht mehr ändern. Statt mit der Vergangenheit zu hadern, sollte man deshalb lieber in die Zukunft blicken. Doch das ist leichter gesagt als getan: Vor allem die dunklen Episoden unseres Lebens wollen sich einfach nicht vergessen lassen, sie lasten auf der Seele, bis sich eine höhere Gewalt findet, die mit uns ein Einsehen hat.

Oft ist diese höhere Gewalt der Tod, manchmal aber auch einfach nur ein Gericht. Der antike Dichter Aischylos hat diese Errungenschaft der Zivilgesellschaft einmal in einem großen Drama gewürdigt: „Die Orestie“ erzählt vom Muttermörder Orest, der erst durch das Urteil einer organisierten Öffentlichkeit wieder zu seinem inneren Frieden findet.

Händels Oper „Oreste“, die jetzt am Theater Bremen Premiere hatte, greift darauf nur teilweise zurück. Statt der befreienden Wirkung eines Richterspruchs geht es vielmehr um die dunkle Macht der Vergangenheit selbst. Offenbar deuten in Bremen Videoeinblendungen Versuche der Figuren an, das Geschehene nachträglich umzuschreiben.

Diesen Regieansatz finde ich insofern bemerkenswert, als er mich an Max Frischs hochinteressantes Drama „Biografie: Ein Spiel“ erinnert. Ein unter seiner Vergangenheit leidender Wissenschaftler erhält darin per Zeitreise die Chance, seine Biografie zu korrigieren. Die gescheiterte Ehe soll nun gar nicht erst zustande kommen, und statt sich in einem Konfliktfall an der Universität feige wegzuducken, will er jetzt mutig Farbe bekennen. Doch wie sich der Forscher auch anstellt: Fast immer kommt dabei wieder exakt jene Biografie heraus, die ihm so verhasst ist.

Zeitreisen, sollte es sie jemals geben, helfen unserem Gewissen also nicht wirklich weiter. So bleibt neben dem Tod nur noch eine Macht, die uns von der Last der Vergangenheit befreien kann: die Justiz.

Was wird?

Romantisch veranlagte Gemüter malen sich das ja allzu gerne aus: wie schön es wäre, das Liebesgeständnis in Tönen serviert zu bekommen. Wenn etwa als potenzieller Ehemann nicht der dröge Steuerberater in Aussicht stünde, sondern ein sensibler Komponist, der sich vom Antlitz seiner Angebeteten zum Thema seiner nächsten Sinfonie inspirieren lässt.

Nun ist das mit der Sensibilität aber so eine Sache. In enthusiastischem Frohsinn äußert sie sich eher selten. Gustav Mahler zum Beispiel, ein wahrhaftig sensibler Tonkünstler, offenbarte schon in den ersten fünf Sinfonien eine unverkennbare Neigung zur Schwermut. Und das ist noch gar nichts im Vergleich zu den ersten Takten seiner Sinfonie Nr. 6.

Was für ein finsteres Wummern und düsteres Stampfen! Man könnte meinen, in stürmischer Nacht klopfe der Tod persönlich an die Tür. Doch weniger an Tod und Teufel hat der Komponist hierbei wohl gedacht als vielmehr an seine geliebte Gattin Alma. „Ich habe versucht dich in einem Thema festzuhalten“, soll Mahler ihr erklärt haben: „Ob es mir gelungen ist weiß ich nicht, du musst dir‘s schon gefallen lassen.“ Ob sie es sich gefallen ließ, ist nicht überliefert.

Termine

Montag und Dienstag, 20 Uhr, Glocke Bremen: 11. Philharmonisches Konzert mit Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 6 a-Moll.

Mittwoch, 20 Uhr, Sendesaal Bremen: Irit Dekel und Eldad Zitrin.

Mittwoch, 20 Uhr, Glocke Bremen: Héléne Grimaud.

Donnerstag, 20 Uhr, Glocke Bremen: Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit Werken von Schubert und Mahler.

Freitag, 20 Uhr, Sendesaal Bremen: Henning Schmiedt.

Samstag, 20 Uhr, Sendesaal Bremen: Uli Beckerhoff Quartett.

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