Bruggaiers Kulturwochen

Groß wie ein Bär, glänzend wie Leder

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Spannung in nur einem Raum: "Das Fenster zum Hof" von Alfred Hitchcock würde auch auf der Bühne funktionieren.

Was war? Was wird? Bruggaiers Kulturwochen schauen hin.

Was war? 
Die meisten Filme, sagt Schriftsteller Daniel Kehlmann, sind schlecht. Und wenn ich's mir recht überlege: Recht hat er. Was der Film zu Anfang des 20. Jahrhunderts seinem Publikum versprochen hatte, war ja zuallererst ein Fortschritt in der Erzeugung von Illusionen: Natürlich nimmt sich „Wilhelm Tell“ auf echten Alpenwiesen anders aus als vor Felskulissen aus Pappmaché. Der Film führt uns durch Urwälder und Eiswüsten, lässt Riesenaffen Hochhäuser erklimmen und Dinosaurier durch Großstädte marschieren. Das alles kann Theater nicht. Theater lässt keine Monster aufeinander los, sondern nur Menschen. Und es tut das nicht im Pazifischen Ozean, am Nordpol oder auf dem Mount Everest, sondern in ganz gewöhnlichen Räumen mit drei Wänden. Doch dabei treten oft erstaunliche Dinge zutage. Die einen wünschen sich das Böse, um das Gute tun zu können.

Die anderen müssen einander töten, nicht weil sie sich hassen, sondern weil sie sich lieben. Und wieder andere erkennen verblüfft, dass diese Liebe sich erst im Betrug erfüllen kann. Gibt es auch Filme, die das zeigen? Aber ja: zum Beispiel Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“. Michael Hanekes „Liebe“. Und natürlich auch „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman. Nur: Wilde Kamerafahrten durch exotische Gegenden sind dort nirgends zu finden. Alle drei Filme finden größtenteils in einem einzigen Raum statt, gewöhnliche Wohnungen ohne Dinosaurier und Riesenaffen. Es sind Theaterstücke für die Leinwand, die sich außer in Blickführung und Schnitttechnik nicht von gewöhnlichen Bühnenstücken unterscheiden. Es bedarf für einen gelungenen „Wilhelm Tell“ keiner Alpenwiesen. Das einzige, was ein Drama wirklich braucht, steht den Regisseuren schon seit der Steinzeit zur Verfügung: Menschen.

Was wird?
Was geschieht mit Menschen, die in ihrer Zeitung regelmäßig von „Asylmissbrauch“ und „Flüchtlingsflut“ lesen? Die mit Zahlen bombardiert werden statt mit Erklärungen, mit Horrorszenarien statt mit Zustandsbeschreibungen? Sie bekommen Angst. Das muss nicht so sein, bei einem optimistischen Menschenbild könnte man ja auf ein ausreichend medienkritisches Bewusstsein hoffen. Es ist aber so, und diese Erkenntnis verdanken wir Orson Welles. In den dreißiger Jahren hatte der Autor und Regisseur das amerikanische Radiopublikum verschreckt. Verstörte Moderatoren sprachen von Gasexplosionen auf dem Mars und sonstigen beunruhigenden Erscheinungen am Firmament. „Gott im Himmel!“, schrie ein Reporter: „Etwas kriecht aus dem Schatten wie eine graue Schlange. Das sieht wie ein Tentakel aus! Ich kann seinen Körper sehen, groß wie ein Bär und glänzend wie nasses Leder!“

Bei nüchterner Betrachtung der Sachlage kommen eigentlich nur folgende Ursachen für derlei Beobachtungen infrage. Erstens: Der Reporter hat im Restaurant versehentlich Oktopus bestellt statt Gänseleber. Zweitens: Zum Rosenmontag kommt sein Chefredakteur als Ameisenbär um die Ecke. Drittens: Es handelt sich um ein Hörspiel von Orson Welles. Leider aber gab es keine nüchterne Betrachtung der Sachlage, sondern ausschließlich Panik und Entsetzen. Noch Tage später sollen verängstigte Hörer in Wäldern und U-Bahn-Schächten aufgefunden worden sein – eingedeckt mit hastig zusammengekramten Konserven. „Krieg der Welten“ steht jetzt auf dem Spielplan des Oldenburgischen Staatstheaters.

Termine:
Donnerstag, 19.30 Uhr, Theater Bremen: „Kauza Schweijk“, Premiere (Schauspiel).
Donnerstag, 20 Uhr, Oldenburgisches Staatstheater: „Krieg der Welten“, Premiere (Schauspiel).
Samstag, 20 Uhr, Schauspielhaus Hannover: „Perpelex“, Premiere.
Sonntag, 11 Uhr, Glocke Bremen: 3. Philharmonisches Konzert mit Werken von Prokofjew und Rachmaninow.

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