Bruggaiers Kulturwochen

Gegen die digitale Geschwätzigkeit

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„Blick ins Hirn: Haben sich hier die Synapsen erst einmal gebildet, bleibt dem Lernen kaum noch eine Chance.

Was war? Was wird? Bruggaiers Kulturwochen schauen hin.

Was war?

Lyrik, hieß es zur Eröffnung des Bremer Festivals „poetry on the road“, sei plötzlich wieder im Kommen. Und es stimmt ja auch: Der Bremer Literaturpreis geht an den Verfasser eines Gedichtbands, die Festivaleröffnung findet wegen des Andrangs mittlerweile im großen Haus des Bremer Theaters statt, und unter Schülern wie Studenten ist Poetry Slam der letzte Schrei. Wie kommt‘s?

Erst einmal sind Gedichte kurz, kommen damit der Beschleunigung unseres Alltags entgegen. Dann entziehen sie sich ihrem Verfasser: Wer da spricht, ist lediglich das lyrische Ich, eine unsichtbare Instanz. Und drittens ist das, was da gesprochen wird, zwar persönlich, niemals aber unmittelbar: Nicht eine Meinung wird hier bekundet, sondern ein Zweifel, eine Frage, ein Rätsel.

Ich glaube, dass in Zeiten der digitalen Geschwätzigkeit gerade dieses Ungewisse, Rätselhafte einen Nerv trifft. Es ist die Sehnsucht nach einer Sprache jenseits der im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Meinungsbeiträge, die sich regelmäßig im Netz zu immer neuen Empörungswellen zusammenballen. Wie erholsam kann es in dieser täglichen Flut gebrüllter Gewissheiten sein, Texte zu lesen, die das Ungewisse, Unbegreifliche nicht schamhaft verschweigen, sondern sich im Gegenteil dazu bekennen! Als „unendliche Zurückhaltung“ hat Gottfried Benn einmal das Wesen der Lyrik beschrieben: „zertrümmernd ihr Kern, aber schmal ihre Peripherie. Sie berührt nicht viel, das aber glühend.“

Was wird?

Hätte unser Gehirn in der Kindheit nicht bereits die meisten Synapsen gebildet, so fiele uns Älteren das Lernen deutlich leichter. Die Fremdsprache für den nächsten Urlaubsaufenthalt wäre in wenigen Wochen auf die biologische Festplatte gespielt, und der Skikurs für Erwachsene dauerte nur halb so lange.

Doch die altersbedingte Lernverzögerung kann auch deutlich dramatischere Folgen haben. Wer als Flüchtling nach Deutschland kommt, braucht mitunter Jahre, bis ihm Sprache, Regeln und Bräuche des fremden Landes vertraut sind. In Familien kehren sich deshalb oft die Verhältnisse um: Hilflose Eltern begeben sich in die Hand ihrer Kinder, lassen sich Wörter erklären und beim Einkaufen helfen. Viele Zehnjährige aus Migrantenfamilien kennen den Arbeitsvertrag des Vaters oder die Einkaufsliste der Mutter so gut wie andere Kinder ihre Legokiste. Wie ihnen „The Art of Arriving“, die Kunst des Ankommens, gelingt, zeigt Regisseurin Lola Arias am Theater Bremen.

Samstag, 19 Uhr, Theater Bremen: „The Art of Arriving“, Premiere.

Samstag, 20 Uhr, Galerie K‘ Bremen: Eröffnung der Ausstellung „Eiko Grimberg: Borrowed Shapes“.

Sonntag, 18 Uhr, Volkshaus Bremen: „Eine Liebeserklärung an Edith Piaf“ (Konzert).

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