Bruggaiers Kulturwochen

Erbe nur gegen Dankeshymnen

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Bis heute unterschätzt: Astrid Lindgren

Was war? Was wird? "Bruggaiers Kulturwochen" schauen hin.

Was war? 
Mal sehen, wem sie alles in Stockholm so den Literaturnobelpreis verliehen haben. Eugenio Montale im Jahr 1975. Vicente Aleixandre 1977. Odysseas Elytis 1979. Kennen Sie nicht? Macht nichts: Aktuelle Übersetzungen ins Deutsche sind Mangelware, über die Nachwirkung auf die heutige Literatur ist so gut wie nichts bekannt. Nun muss das nicht zwingend etwas über die Berechtigung einer Preisvergabe aussagen, Gedichte von Odyssesas Elytis etwa wären durchaus eine Wiederentdeckung wert. Was mich jedoch ärgert, ist die Tatsache, dass sich in der mehr als hundert Jahre umfassenden Geschichte dieses Preises kein einziger der zahlreichen großen Kinder- oder Jugendbuchautor findet. Dabei hätten die Juroren die verdienteste Kandidatin gleich vor Ort gefunden: Astrid Lindgren, deren „Pippi Langstrumpf“ in der vergangenen Woche die Bühne des Bremer Theaters stürmte. Wenn es eine Romanfigur gibt, die jemals messbaren Einfluss auf das Denken einer Gesellschaft zu nehmen vermochte, dann das rothaarige Mädchen mit der großen Klappe.

Und nirgendwo dürfte dieser Einfluss größer ausgefallen sein als bei uns, wo nach preußischem Ideal ein Kind zu funktionieren hatte statt selbstständig zu denken. Mythen aus der Kaiserzeit, wonach Kinder angeblich keine Ironie verstehen und Kinderbuchfiguren nicht differenziert betrachten können, sind dank Astrid Lindgren weitgehend ausgestorben. Dass eine Theaterinszenierung wie jetzt in Bremen die traurige Figur der willenlosen Annika mangels aktuellen Bezugs umdeuten muss, beweist, wie nachhaltig das Modell Pippi unser Kindheitsideal geprägt hat. Dass aber eine kleine Umdeutung ausreicht, um diesen aktuellen Bezug ganz leicht herzustellen, unterstreicht die Klassikerqualität dieser Literatur. An Lindgrens schwedischer Nationalität übrigens hat es nicht gelegen, dass die Nobelpreisjuroren in ihren Werken nichts als Kinderkram erkennen mochten. 1974 ehrten sie gleich zwei Autoren schwedischer Staatsangehörigkeit. Sie hießen Eyvind Johnson und Harry Martinson. Kennen Sie auch nicht? Geht mir genauso.

Was wird?
Vater und Mutter soll man ehren, so steht es schließlich in den zehn Geboten. Weitgehend unbekannt ist der zweite Halbsatz dieses Gebots, der da lautet: „…damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“ Das liest sich schon deutlich eigennütziger, als die erste Hälfte noch vermuten lässt – und als viele Eltern es wohl gerne hätten. Ist es vielleicht diese Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die in den aktuellen Auseinandersetzungen um Generationengerechtigkeit so manches Missverständnis hervorruft? Shakespeares König Lear jedenfalls kann von der Dankbarkeit seiner Kinder gar nicht genug bekommen. Eins nach dem anderen soll ihm mit Liebes- und Dankesbekundungen seine alten Tage versüßen: Wer schweigt, wird enterbt. Wie gut dieses Modell der Generationengerechtigkeit funktioniert, lässt sich ab Donnerstag bei der Bremer Shakespeare Company erleben.

Tipps: 
Donnerstag, 19.30 Uhr, Theater am Leibnizplatz: „König Lear“.
Donnerstag, 20 Uhr, Theater Bremen: „Belleville“, Tanz.
Freitag, 20 Uhr, Schwankhalle Bremen: Premiere „Diamond Motel“.
Samstag, 19.30 Uhr, Theater Bremen: „Der Liebestrank“, Oper von Gaetano Donizetti.
Samstag, 20 Uhr, Oldenburgisches Staatstheater: „Was ihr wollt“ von William Shakespeare.
Sonntag, 10 Uhr, Stadtmuseum Oldenburg: Sonderausstellung „100 Jahre Stadtmuseum“.
Sonntag, 20 Uhr, Glocke Bremen: Cassandra Wilson.

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