Bruggaiers Kulturwochen

Um die Ecke gelobt

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So sehen Sieger aus: Wenn schon niemand anderes uns bejubelt, machen wir's doch einfach selbst!

Was war? Was wird? Bruggaiers Kulturwochen schauen hin.

Was war?

Die Wahrheit verdrehen, ohne dabei wirklich zu lügen: Wer sollte das besser können als ein Theater? Ganz einfach: die Öffentlichkeitsarbeit eines Theaters! Wie diese Vermarktungsstrategen auch die größten Debakel noch in Sternstunden der Bühnenkunst umzudeuten verstehen, nötigt mir immer wieder Respekt ab. Schreibe ich in meiner Kritik zum Beispiel, dass „diese erbärmliche Inszenierung mit ihrem kläglichen Bemühen um ein perfektes Timing und halbwegs zündende Pointen am Ende bloß ein Triumph der Peinlichkeit ist“, so finde ich mich im Programmheft des betreffenden Theaters wie folgt wieder: „Perfektes Timing… zündende Pointen… ein Triumph! (Johannes Bruggaier, Kreiszeitung).“

Am Theater Bremen hatte nun kürzlich Joachim Lottmanns Roman „Endlich Kokain“ eine reichlich durchwachsene Bühnenpremiere erfahren. Es hagelte Verrisse, das kann passieren. Nur eine hat gejubelt: Jolandi Stützer, bislang völlig unbekannte Kollegin von der „tageszeitung“ (taz). „Schon der Beginn ist toll“, hebt die Kritikerin ihre Hymne an. „Fantastisch ist der Schluss“, fährt sie fort. „Endloser Beifall“, jauchzt sie sodann: „Ein Vorhang nach dem anderen.“ Und: „Frauenkreischen und Bravorufe im Großen Saal, Blumen fliegen, einzig die Band kann mit soviel Ausflippen umgehen.“ Joachim Lottmann, schreibt die „taz“, habe die Inszenierung seines eigenen Stücks ja naheliegender Weise nicht selbst rezensieren können – „deshalb macht's Jolandi Stützer“. Hmm… „Jolandi Stützer“? Wenn hinter diesem Pseudonym nun vielleicht doch der Autor selbst…? Ach was, wehrt man am Bremer Theater ab. Und zitiert die jubelnde Frau Stützer-Lottmann genüsslich in epischer Breite. Übrigens: Sollten Sie sich in nächster Zeit über vermehrt begeisterte Zuschriften auf unserer Leserbriefseite wundern – wir Redakteure können uns schlecht selbst loben.

Was wird?

Es gab einmal ein Festival, das versammelte in unserer Region das Beste, was die internationale Performanceszene zu bieten hatte. Es hieß „Pazz“, abgeleitet aus den Wörtern „Performing Arts“ sowie „Jazz“ und katapultierte das beschauliche Oldenburg zeitweise in die deutsche Theaterbundesliga. Für das ältere „Outnow“-Festival in Bremen war diese Konkurrenz insofern ein Problem, als mancher hierdurch erst erfuhr, welch großartige Künstler es in diesem Bereich so gibt. Das war ein bisschen ungerecht, weil „Pazz“ über einen weitaus höheren Etat verfügte – aufgrund von Bundesmitteln, die allerdings ein umtriebiger Theaterintendant auch einzuwerben verstand. Mit dem Abgang dieses Intendanten hatte „Pazz“ ein Ende. Übrig geblieben ist „Outnow“. Große Namen wie „Rimini Protokoll“, „Gob Squad“ oder Tim Crouch gibt es hier zwar nicht. Aber vielleicht trotzdem die eine oder andere kleine Entdeckung?

Donnerstag, 19 Uhr, Schwankhalle Bremen: Eröffnung „Outnow“ (vollständiges Programm im Internet unter www.schwankhalle.de) Sonntag, 18 Uhr, Theater Bremen: „Oreste“, Premiere (Oper).

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