Das brüchige Glück

Uraufführung: Elina Finkel bringt „Russian Boy“ in Oldenburg auf die Bühne

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Kein Bett aus Rosen: Fabian Felix Dott (l.) und Fabian Kulp in „Russian Boy“. 

Oldenburg - Von Corinna Laubach. Einfach nur glücklich sein. Ein elementarer Wunsch nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit. Da kann doch niemand dagegen sein, will man ausrufen – aber der Ruf bleibt im Halse stecken. Auch 2018 wird von außen darüber gerichtet, wer wen lieben darf, was richtig oder falsch ist.

Ob man zu seiner Liebe stehen kann oder einem der Kopf dafür abgeschossen wird. Homosexualität darf nicht existieren, schon gar nicht in Russland. Da man sich Schwulsein aber nicht aussucht wie einen roten oder blauen Pullover, gibt es auch im eisigen Osten Schwule, die in verborgenen Welten leben, Doppelleben führen und doch immer auf das eigene Glück hoffen.

So auch in der Erzählung „Russian Boy“ von Dmitri Sokolow, die jetzt in der Oldenburger Exerzierhalle ihre Uraufführung feierte. Regisseurin Elina Finkel hat das Stück aus kleinen Fragmenten zusammengesetzt und führt die Zuschauer durch Artjoms (Fabian Kulp) Leben. Wie in einem Kaleidoskop ergibt sich je nach Betrachtung ein neues Bild. Der Fokus liegt auf der Personage, die Ausstattung begnügt sich mit ein paar Requisiten und grellen Leuchtröhren an der Wand (Bühne: Elena Bulochnikova). 

„Love me“ hebt sich in leuchtendem Rot ein Schriftzug immer wieder ab. Es ist nicht nur Artjoms stummer Schrei nach Liebe. Artjom kommt aus der Provinz nach Moskau, er lebt sich schnell ein in der Stadt, an der Schauspielschule, adaptiert die Sprache der Metropole und hofft auf Freiheit und Liebe. Daneben der große Wunsch, bei der Castingshow „Voice of Russia“ mitzumachen und berühmt zu werden. Für Erfolg müsse man etwas tun, sagt er. Für die Liebe, da kann er nichts tun. 

Schwule finden ihr Liebesglück nur im Untergrund Moskaus

Die begegnet ihm auch hier im scheinbar modernen Moskau nur im Untergrund. In der Gay-Sauna trifft er auf Mischa (Fabian Felix Dott), der sich mit Lena (Agnes Kammerer) in einem bürgerlichen Leben eingerichtet hat. Er ist nicht glücklich, aber das große Glück scheint nicht möglich. Bis zu seiner Affäre mit Artjom. Dieser lebt die Liebe in vollen Zügen. Zumindest auf Facebook und Instagram scheint es möglich. 

Hier kann er sein, wer er ist – und doch auch in den Sozialen Medien nicht mit Mischa zusammen. Der will keine Bilder mit seinem Freund in der Öffentlichkeit. Hier, wo ein Kuss schon den sicheren Tod bedeuten kann. Es ist ein Leben im Zwiespalt, ein Drahtseilakt zwischen dem echten und dem erbeuteten Leben.

Natürlich fliegt die Liaison auf. Das Glück ist auch in einer auf Heimlichkeiten gebauten Welt ein brüchiges. Die schwangere Lena verlässt Mischa. Mischa leidet, während Artjom seine Chance wittert, beim berühmten (schwulen) Showproduzenten vorzusprechen und zumindest den Bühnenerfolg anzustreben. Im Hinterkämmerchen der Sauna vergnügt er sich mit dem Showmacher. 

Was, wenn Schwulsein doch ansteckend ist?

Will ich so leben? Eine Frage, die Artjom nur kurz zulässt. Zu tief ist der Strudel an Lügen, zu groß der Hass, der ihm überall offen entgegenschlägt, wenn er als schwul geoutet wird. Artjom wird eines Tages brutal zusammengeschlagen, Mischa stirbt bei einem Unfall, Lena bleibt mit dem Kind zurück und findet Artjoms Hilfe so rührend wie beängstigend. Was, wenn Schwulsein doch ansteckend ist?

Sie kämpft ebenso gegen Bilder und Vorurteile wie Artjoms Mutter Ljudmilla (Helen Wendt). Die habe immer was geahnt, sich aber lieber fürs Wegschauen entschieden. Verhaftet in Traditionen, befallen von der Angst vor der Wahrheit. Johannes Schumacher als Erzähler und in unzähligen anderen Rollen rundet das kraftvoll spielende Ensemble ab. Am Ende bleibt der Traum von einem friedlichen, glücklichen Leben.

Ein intensiv gespielter, emotionaler Abend, der nachhallt. Großer Applaus und ein zu Tränen gerührter Autor Dmitri Sokolow. Mit „Russian Boy“ ist er seinem Wunsch, über das eigene, stets zu verheimlichende Glück in aller Offenheit zu berichten, einen Schritt näher gekommen – wenn auch nicht in Russland.

Nächste Vorstellungen am 24. und 29. November, 20 Uhr sowie am 2. Dezember, 18 Uhr, Exerzierhalle, Oldenburg.

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