Verschnupfter Andre Williams in Bremen

Brüchig, aber intensiv

Ein Wunder, dass er noch auf der Bühne steht: Andre Williams geht wieder auf Tournee. ·
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Ein Wunder, dass er noch auf der Bühne steht: Andre Williams geht wieder auf Tournee. ·

Bremen - Von Andreas SchnellHeute feiert Andre Williams seinen 76. Geburtstag, standesgemäß auf der Bühne. Wobei es eigentlich schon an ein Wunder grenzt, dass er dort immer noch steht. Nicht nur, weil 76 Jahre an und für sich schon kein Pappenstiel sind. Williams hat in seinem Leben schon so einiges durchgemacht.

Noch vor seinem 18. Geburtstag verließ er seine Heimat Alabama und machte sich auf den Weg nach Detroit, um Musiker zu werden. Mit 21 hatte er mit dem Song „Bacon Fat“ seinen ersten Hit, viele weitere folgten, die er teils selbst sang, teils für andere Musiker wie Ike & Tina Turner. Bis in die siebziger Jahre konnte er sich kaum beklagen. Dann ging es allerdings steil bergab. Die Tantiemen versiegten, und um selbst Musik zu machen, fehlt Williams die Kraft: Die Drogen fordern ihren Tribut, zeitweise muss der Musiker unter den Brücken von Chicago schlafen. Bis ihn eine neue, geschichtsbewusste Generation von Musikern wiederentdeckt. Jon Spencer, mit seiner Blues Explosion eine zentrale Figur des Garage-Blues-Revivals, holt Andre Williams aus der Gosse, rettet ihm, wie Williams sagt, das Leben. Seither arbeitet Williams wieder regelmäßig, veröffentlicht Alben, oft mit deutlich jüngeren Musikern, geht auf Tournee – wo er in der Regel ebenfalls der Älteste in der Runde ist, wie auch am Mittwochabend in der Lila Eule.

Dass man ihm sein Alter nicht anmerkte, wäre gelogen. Im Gegenteil: Tief haben sich die Exzesse in seinen Körper eingegraben, fast reptilienhaft wirkt sein zerfurchtes Gesicht. Aber aus seinen Augen blitzt ein spitzbubenhafter Witz, wenn er nicht müde in die Unendlichkeit schaut – oder in sich selbst hinein, was vielleicht aber auch das gleiche ist.

Seine Band, die Goldstars aus Chicago, trägt ihn förmlich durch sein Set, bereitet ihm den Boden mit ein paar Blues- und Soulklassikern, bis Williams schließlich selbst die Bühne betritt. Auf seine Musiker kann er sich blind verlassen, und auch seine Songs, gespickt mit sexuellen Anspielungen, sind bei den Jungspunden in den besten Händen. Mit Hammond-Orgel, Gitarre, Bass und Schlagzeug unterlegen sie den Auftritt des in rote Seide gewandeten Williams mit einer sorgfältig austarierten Mischung aus Retro-Sounds und zeitgemäßer Energie.

Zwar wirkte Williams am Mittwochabend etwas verschnupft, klang seine Stimme brüchig. Das minderte aber die Intensität seines Auftritts nicht, bei dem er mit viel Freude den „Bad Motherfucker“ spielte, der einem seiner Songs den Namen gab. Gut, dass er überlebt hat.

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