Max Brod ist heute vor allem als Entdecker Franz Kafkas bekannt – ein Essayband würdigt ihn jetzt als Vordenker der Moderne

Loblieder auf die Dilettanten

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Max Brod, wer war das noch mal? Richtig: Franz Kafka. Das heißt, natürlich war Brod nicht Kafka selbst. Er war vielmehr dessen Freund und Förderer. Vor allem aber sein Nachlassverwalter, der sich über den erklärten Willen seines Freundes hinwegsetzte und die gesammelten Werke doch nicht dem Kaminfeuer anheimgab. Ohne Brod hätten wir von Kafka nie erfahren, weshalb heute jeder „Kafka“ meint, der „Brod“ sagt. - Von Johannes Bruggaier.

Dabei war Brod selbst einst ein durchaus erfolgreicher Schriftsteller und Essayist, zu Lebzeiten erfolgreicher als Kafka allemal. Mit seiner Reihe „Max Brod – Ausgewählte Werke“ macht der Göttinger Wallstein Verlag die in Vergessenheit geratenen Schriften wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Nachdem zuletzt fünf Romane erschienen waren, ist nun ein Band mit Essays zu Kunst und Ästhetik erhältlich. Seine Zusammenstellung ist keineswegs willkürlich erfolgt, sondern entspricht exakt jener Sammlung, die als „Vademecum für Romantiker unserer Zeit“ 1913 erstmals erschienen war. Ihr Titel: „Über die Schönheit hässlicher Bilder“.

Es spricht daraus eine ästhetische Erwartungshaltung, die bemerkenswert avantgardistisch anmutet. Und in der Tat blitzen in Brods Ausführungen immer wieder erstaunliche Vorgriffe in die Moderne auf. Paradoxer Weise trifft das insbesondere auf jene Texte zu, die sich explizit gegen die Moderne richten. Gegen moderne Möbel zum Beispiel. Indem Brod die Überwindung der imitierten Renaissance bejubelt (man meint, darin einen Seitenhieb gegen den Jugendstil zu erkennen), zugleich aber beklagt, dass man „sofort in eine andere Konvention geraten“ sei, stößt er schließlich zu einer ganz grundlegenden Fragestellung vor: Sollen Möbel überhaupt schön sein?

Allein die provokante Formulierung dieser Frage impliziert, dass es sich nur um eine rhetorische handeln kann. Selbstverständlich sollen Möbel am besten gar nicht erst den Anspruch auf „schöne“ Wirkung erheben. Und dann folgt eine ausgiebige Argumentation für Geschmacklosigkeit als ästhetisches Fundament eines ertragreichen Arbeitsalltags.

Das Lob des Unvollkommenen findet sich in Brods Betrachtungen häufig. Schauspielern etwa rät er nicht zu Unrecht von allzu gewissenhafter Ausbildung ab. Der gute Bühnenkünstler, so lautet seine Begründung, stelle etwas dar. Der Mittelmäßige aber „ist etwas“: „Je schlechter er wird, desto mehr sieht man ihn, desto deutlicher tritt er aus dem Bilde.“ Überhaupt findet der Dilettant in Brod einen entschiedenen Fürsprecher, weil „in mancher Beziehung die oberflächliche Meinung besser“ sei „als die fachmännische“.

Wie zur Bestätigung bringt Brod mal so eben eine eigene Ästhetikphilosophie zu Papier: knapp, fehlerhaft, stellenweise naiv – und doch von bestechender Originalität. Schönheit gilt ihm darin als Kategorie des Neuen, wobei jede Lust an neuen Erfahrungen abhängig ist von individuellen Prägungen. Neu eintretende Reize stören grundsätzlich die Balance des Gemüts. Dem aufgeschlossenen Rezipienten bereitet eben dieser Kitzel ästhetischen Genuss, allerdings nur, solange sein Bewusstsein noch mit Hilfe verwandter und längst gewohnter Reize eine Brücke dorthin zu schlagen vermag. Neue Reize ohne jeden derartigen Bezug überfordern. Umgekehrt dagegen langweilt, was in jeder Hinsicht altbekannt ist. Mit seiner Ausarbeitung dieser Ästhetiktheorie zu einer Theorie der Kritik scheitert Brod auf ganzer Linie, was ihn nicht davon abhält, großartige Rezensionen über die Musik Gustav Mahlers zu verfassen.

Einem Dichter vorwerfen, dass er sich von der Welt nur literarisch beeinflussen lässt, sei „genau dasselbe, wie einem Politiker vorwerfen, dass er sich nicht um den Knochenbau seiner Wähler kümmert“, heißt es an einer Stelle. Max Brod konnte sich der Welt nicht anders nähern als literarisch. Doch dieser literarischen Annäherung mag man heute noch gerne folgen.

Max Brod: „Über die Schönheit hässlicher Bilder – Essays zu Kunst und Ästhetik“, Wallstein Verlag: Göttingen 2014; 386 Seiten, 29.90 Euro.

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