Inszinierung von Falk Richter

Jelinek-Stück über Donald Trump: Bretternde Bilderbreitseite

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Überbordendes Schauspielfest: Idil Baydar, Anne Müller, Benny Claessens und Frank Willens (v.l.) in „Am Königsweg“. 

Hamburg - Von Rolf Stein. Elfriede Jelinek kann und will nicht anders: Ob Finanzkrise oder Flüchtlingselend, ob Fritzl oder nun eben Donald Trump, immer nimmt sie der Zeit den Puls, ist sie Zeugin der Anklage, schreibt und schreibt und schreibt. Das tut sie stets mit offenem Ohr für die Polyphonie der Stimmen, immer wieder mit einer beinahe perversen Liebe zum Klischee, zum Kalauer, der den Ernst der Lage meist frivol ignoriert und so die eigene Ohnmacht verschleiert. Nicht allerdings bei Jelinek. Schon in „Aber sicher!“, ihrem vor vier Jahren am Theater Bremen uraufgeführten Stück zur Finanzkrise, äußerte sie diese Furcht vor der eigenen Machtlosigkeit.

Nachdem ihr neuestes Stück „Am Königsweg“ im März in New York in Auszügen öffentlich gelesen wurde und im Sommer vom Bayerischen Rundfunk in einer Hörspielfassung gesendet wurde, feierte das Stück am vergangenen Wochenende am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Welturaufführung. Die Regie übernahm der neue Hausregisseur Falk Richter, seinerseits als Dramatiker kein Unbekannter, der in seinen Stücken ähnlich auf den Zeitgeist reagiert wie Jelinek. „Verräter. Die letzten Tage“ heißt sein neuestes Stück, das von der Sorge darüber handelt, dass die Wahlerfolge von Trump und AfD nicht einfach nur Ausrutscher sind.

Dass Richter dabei die Lust am Theater nicht vergangen ist, dessen Wirkmacht er erst kürzlich in einem Interview anzweifelte, wird schnell deutlich. Mit Rita Thiele (Dramaturgie), Katrin Hoffmann (Bühne) und Andy Besuch (Kostüme) hat er ein geradezu monströs ausgreifendes Bildertheater geschaffen, das der Vielgestaltigkeit der Textflächen Jelineks immer wieder neue Verlaufsformen verleiht, mal mit antiker Wucht, mal im hyperbolischen Comic-Stil, mal gleichsam politkabarettistisch, aber auch mit hochfragilen Momenten, in denen Jelinek über die Vergeblichkeit ihres schriftstellerischen Tuns meditiert.

Hinreißende Persiflagen auf den wütenden Kindkönig

Ihr gehört das erste Bild, und sie macht auch am Ende eines langen Abends das Licht aus. Nach dreieinhalb Stunden, in denen Benny Claessens nicht eben analytische, aber hinreißende Persiflagen (inklusive Chaplins Tanz mit dem Globus aus dem „Großen Diktator“) auf den wütenden Kindkönig gezeigt hat, als den Autorin und Regisseur Donald Trump kennzeichnen, ohne ihn je beim Namen zu nennen. In denen ein berlinernder Redneck am Lagerfeuer „Take me home, Country Roads“ singt. In denen die Komikerin Idil Baydar Breitseiten gegen die Saturierten abfeuert, die sie zu Recht im Publikum vermutet, und ihnen ihre deutsche Kolonialvergangenheit unter die Nase reibt. In denen über die Rückwand der Bühne Bilder brettern, die Krieg, Gewalt, Blut, Hitler und nackte Leiber zeigen. Und in denen nicht zuletzt und oft sehr schön gesungen wird. In denen neben Benny Claessens Ilse Ritter, Matti Krause, Anne Müller, Tilman Strauß, Julia Wieninger und der Tänzer Frank Willens ein überbordendes Schauspielerfest feiern.

Der vielzitierte abgehängte weiße Mann, der rassistische Tabubruch des Wird-man-ja-wohl-sagen-Dürfens, Freud, Ödipus und die Bibel, Finanz- und Immobilienkrise, Arbeitslosigkeit, Kermit mit Baseballschläger, Ku-Klux-Klan-Kapuzen und Kasperltheater säumen den dramaturgischen Pfad. Und so ist Richters Inszenierung in gewisser Weise ein Spiegel eines Trump Donald selbst, in dem das zumindest scheinbar Sprunghafte, das Hyperventilierende, die Neigung zum Superlativ aufscheint.

Neues über Trump ist nicht zu erfahren 

Neues über den derzeitigen Präsidenten der USA ist an diesem Abend unterdessen eher nicht zu erfahren, es sei denn, man lebte gänzlich medienabstinent. Auch die Sorge vor einem etwaigen neuen rechten Zeitgeist treibt schließlich nicht nur Elfriede Jelinek um – und dass man mit einer Trump-Kritik beim Bildungsbürger tendenziell sperrangelweit offene Türen einrennt, das wissen Jelinek und Richter offensichtlich auch.

Weshalb dieser Abend mit der großen Ilse Ritter auf einer wahrlich deprimierenden Note endet: „Bitte seien Sie mir nicht böse und hören Sie besser nicht auf mich“, verkündet sie regelrecht ersterbend. Und das wirkt nach zwei Stunden Raserei, in denen man sich wieder einmal erlaubt hat, über den albernen König zu lachen, dann doch ganz schön beklemmend.

Die nächsten Vorstellungen: Freitag, 3. November, 20 Uhr, Sonntag, 26. November, 17 Uhr, Samstag, 2. Dezember, 19.30 Uhr, Freitag, 15. Dezember, 19.30 Uhr, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg.

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