Das Festival „Theaterformen“ zeigt die Produktion „Kurzzeit“

Brennende Leere

Auch ein Blick in die Schränke ist gestattet.

Hannover - Von Jörg Worat. Die Besucher sitzen im Schauspielhaus-Parkett und applaudieren. Aber wem eigentlich? Die einzigen, die sich gerade noch auf der Bühne befunden haben, sind sie selbst gewesen und zeitweise eine Gruppe von Stagehands. Der Beifall gilt also eher einem Konzept, einem großartigen: Mit der Produktion „Kurzzeit“ sorgt der russische Regisseur Semion Aleksandrovskiy nach einem Text von Konstantin Steshik beim hannoverschen Festival „Theaterformen“, das diesmal einen Schwerpunkt bei partizipativen Konzepten setzt, für eine Sternstunde.

Womit auch schon ziemlich genau die Dauer der Vorstellung bezeichnet wäre. Zu deren Beginn schaut man auf eine mit Mobiliar aller Art vollgepackte Szenerie, über der ein schriftlicher Dialog zwischen einem 98-jährigen Mann und seinem Sohn eingeblendet wird. Ein ebenso anrührender wie quälender: Der alte Herr ist dement, gleich zu Beginn muss er daran erinnert werden, dass seine Frau kürzlich gestorben ist. Er wird das im weiteren Verlauf immer wieder vergessen, auch entfällt ihm zwischendurch, mit welchem seiner Söhne er gerade spricht, und manchmal wird seine Wortwahl unvermittelt äußerst vulgär. Der Sohn ist zunehmend überfordert und sagt Sätze wie „Früher war ich bei dir, jetzt bist du bei mir“ – das Eltern/Kind-Verhältnis hat sich umgekehrt.

Schließlich lädt eine Schrifttafel die Besucher zum Betreten der Bühne ein. Diese erweist sich als Schatzkiste, denn hier ist nichts bloße Attrappe. Die Thermoskanne auf dem Küchentisch ist mit Tee gefüllt, die dazugehörige Dose enthält tatsächlich Zucker. Überall liegen Bücher und Alben herum, in denen man blättern kann und dabei mal auf private Urlaubsfotos, mal auf Sammelbilder von Willy Fritsch und Lilian Harvey stößt. In sämtlichen Schubladen befinden sich Fundstücke – sind etwa diese drei kleinen Püppchen irgendwann einmal für jemand von großem Wert gewesen?

Die Theaterbesucher tauchen in die angebotene Erinnerungswelt ein und machen sie sich zu eigen: Hier bedient einer das Harmonium, dort nimmt eine Frau das bereitliegende Strickzeug zur Hand, ein dritter schmeißt den Plattenspieler an und sorgt für Morricone-Klänge im Schauspielhaus. Oder es kommt zu spontaner Kommunikation untereinander: Ob man wohl mit vereinten Kräften den widerspenstigen Dia-Gucki zum Laufen bekommt?

Zudem liegen zahlreiche Kopfhörer aus. Wer sie aufsetzt, erlebt den Eingangsdialog nun in akustischer Form, vorgetragen von Menschen aus Hannover mit den eigenen Vätern. Dieser Pool speist sich aus Kreisen hiesiger Kulturschaffender – so ist etwa die Fotografin Katrin Ribbe mit von der Partie oder Thomas Posth, Leiter des experimentellen „Orchesters im Treppenhaus“. Regisseur Aleksandrovskiy soll bei den Vorbereitungen seinem Wunsch nach einer möglichst selbstverständlichen Sprechweise Ausdruck verliehen haben, was sich aber, einziger kleiner Minuspunkt bei diesem Projekt, nicht immer einlöst: Hier und da klingt‘s leider doch recht deklamatorisch, wodurch eine etwas unangenehme Künstlichkeit ins Spiel kommt.

Ins Spiel kommen irgendwann auch die besagten Stagehands und fangen in aller Ruhe an, die Szenerie abzubauen. Also schnell noch jenes Schränkchen öffnen – zu spät: „Tut mir leid“, sagt der Bühnenarbeiter ebenso freundlich wie bestimmt. „Ich muss das jetzt mitnehmen.“ Ein paar Minuten später sind all die Schätze verschwunden. Und dieses symbolische Bild der Leere brennt sich nachhaltig ein.

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