Bremer Philharmoniker mit Mahlers Erster

Brennende Klage

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Durchsichtig leuchtende Kammermusik: Markus Poschner dirigiert die Bremer Philharmoniker. ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeEin Freund erzählte, er habe nach der Wiedergabe der ersten Sinfonie von Gustav Mahler durch die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Markus Poschner nicht schlafen können.

Eine sicher seltene, aber verdiente Ovation nach dem letzten Abonnementskonzert. Und man kann angesichts der unerschöpflichen Qualität dieser Musik nicht sagen, dass es jetzt vielleicht auch mal gut ist mit Mahler. Denn allein diese Saison brachte Mahlers Zehnte, die Fünfte, das Lied von der Erde und das große Experiment, aus der dritten Sinfonie so eine Art Oper zu machen. Nun also auch noch die erste Sinfonie. Damit gibt es in Bremen wirklich so etwas wie einen Mahler-Schwerpunkt, für den Poschners Vorgänger Lawrence Renes auch schon ein- drucksvoll vorgearbeitet hat.

Vierundzwanzig Jahre alt war der Komponist, als er in einem Brief an Bruno Walter fragte: „Was ist das für eine Welt, welche solche Klänge und Gestalten als Widerbild auswirft! So etwas wie der Trauermarsch und der darauf ausbrechende Sturm erscheint mir wie eine brennende Klage gegen den Schöpfer.“ An diesem Punkt setzt Poschner an: Alles gerät extrem an diesem mitreißenden Abend, der sogar die Huster aussterben lässt. „Schleppend“ steht über dem ersten Satz, und fast unerträglich schleppend geriet er auch. Das bringt Kontraste wie die anschließende derbe, geradezu körperlich gestaltete Ländlerszene umso mehr hervor, und lässt den Schlusssatz in einer so höllischen Verzweiflung herausschreien, dass die Spannung zur gleichzeitig komponierten Paradies-Apotheose großartig gelingt.

Immer wieder ist bei den Bremer Philharmonikern unter diesem Dirigenten zu bewundern, wie sensibel biegsam winzige Rubati sind, mit welcher Achtsamkeit Vor- und Entspannungen geformt werden, wie auf Transparenz geachtet wird: Man kann beim grellsten Fortissimo noch immer die einzelnen Instrumente hören. Das Orchester folgt und spielt mit Begeisterung und Inspiration. Zwischen unbändiger Trauer und unbändiger Sehnsucht nach dem Leben gelingt das, was den Freund nicht schlafen lässt.

Das gilt auch für die Wiedergabe von Ludwig van Beethovens unverständlicher Weise so selten gespielter vierter Sinfonie, die Robert Schumann „eine griechische schlanke Maid zwischen zwei Nordlandriesen“ nannte. Die Kombination mit der Mahler-Sinfonie war ein Wunschtraum von Poschner und tatsächlich kann man Parallelen sehen, die hier bestens ausgespielt werden: Immer wieder fährt Beethoven mit unerhörter Wucht und Überrumpelung in zarte Melodien und durchsichtig leuchtende Kammermusikgebilde hinein. Diese Sinfonie verlangt Auf- und Entladen von Energien, eine interpretatorische Eigenschaft, die Poschner meisterhaft beherrscht.

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