Das Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Haus zeigt Techniken der Produktfotografie

Henkel hilft Hand

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Ein kleines bisschen Pflanze darf‘s sein – aber nur, wenn kein Blatt dabei stört: Blumenvasen auf spiegelglatter Fläche, fotografiert von Karl Schuhmacher.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Auch Design will designt werden. Was hilft das formschönste Kaffeeservice, wenn es im Schaufenster auf einer hässlichen Tischdecke steht? Das Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Haus rückt nun erstmals die Präsentation des Produkts in den Mittelpunkt einer Ausstellung. Genauer gesagt: seine fotografische Inszenierung. Unter dem Titel „Die Entdeckung der Dinge“ zeigt es, wie der Produktdesigner Wagenfeld seine Entwürfe ins rechte Licht zu rücken verstand.

Das „rechte Licht“ wirkte bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein reichlich steril. Salz- und Pfefferstreuer stehen in einem hell ausgeleuchteten keimfreien Nichtraum, eine klinisch reinweiße Stellfläche reflektiert die schlanken Glasbehälter in hyperrealistischer Schärfe. Das sieht natürlich anders aus als auf der rot-weiß-karierten Tischdecke beim Italiener um die Ecke: Was dort achtlos neben den Teller geknallt wird, scheint hier, in dieser stilisierten Künstlichkeit förmlich zu schweben.

Es spricht die Sehnsucht nach dem perfekten Leben aus diesen Bildern, der Glaube an eine Existenz ohne Krankheit und Verfall. Und es ist nicht mehr das soziale Gefüge, das dem Bürger dieses Glück garantieren soll, die familiäre Häuslichkeit des Biedermeier. Es ist vielmehr die Massenindustrie mit ihren schier unbegrenzten Möglichkeiten. Unglaubliche Dinge bringt sie hervor, etwa Eierbecher aus Edelstahl oder Glas, das im Ofen nicht zerspringt.

Was in der Masse gefertigt wird, muss gut sein. Fotograf László Moholy-Nagy lässt für „Jenaer Glas“ um 1935 deshalb gleich eine ganze Armee an gläsernen Teetassen aufmarschieren. Kaum weniger eindrucksvoll ist das nicht minder sterile Porträt einer Ansammlung von Messzylindern von Albert Renger-Patzsch (1936-39): Dicht gestaffelt ragen die Produkte in die Höhe, als handele es sich um die majestätische Kulisse Manhattans. Und wie die Skyline im Hudson River spiegelt sich natürlich auch die Zylinderstadt in der selbstredend auch hier wieder glattpolierten Stellfläche.

Natur ist tabu in Produktpräsentationen der aufkeimenden Foto-Ära. Geschirr mag im Alltag zum Verzehr von Fleisch und Salat dienen – im Katalog haben Hühnchen, Lamm und Kopfsalat deshalb aber noch lange nichts verloren. Der am Rand filigran geschwungene Aschenbecher blinkt so porentief rein, als müsste ihm jede Zigarette, die seine Oberfläche beschmutzt, wie eine Zumutung vorkommen. Und selbst die Blumenvasen, Naturbehältnisse schlechthin, dürfen um Gottes Willen kein organisches Material beherbergen. Tun sie es doch, so handelt es sich um zwei zarte Blümchen mit Stängelchen, die so dünn, so glatt, so synthetisch wirken, dass man sie für Plastikhalme halten möchte.

Auch der Mensch findet kaum statt in dieser Inszenierung der eigentlich doch für ihn erschaffenen Produkte. Zu sehen sind allenfalls Hände: die eines Gentlemans, der seiner Liebsten gerade mit lässiger Geste den Tee in die gläserne Tasse eingießt. Die einer Dame von Welt, deren zarte Finger anmutig eine Kaffeetasse anheben. Oder die einer Hausfrau, die den Mechanismus einer modernen Pfeffermühle zu bedienen versteht. Hände waren erlaubt, weil ohne sie Wagenfelds Design nicht zu verstehen ist. Ein gelungener Kannenhenkel, soll er einmal gesagt haben, zeichne sich nicht allein durch seine eigene Formschönheit aus: sondern auch dadurch, dass er selbst die Hand, die ihn benutzt, schön erscheinen lässt.

Die Anonymität des industriell gefertigten Produkts, die betonte Sauberkeit seiner Präsentation, die geradezu antiseptische Wirkung dieser Abbildungen mag einem Hygienebedürfnis der Moderne entsprochen haben. Doch es gibt noch andere Gründe für diese seltsam unterkühlte Ästhetik. Sichtbar werden sie im Vergleich mit Exponaten der freien Fotografie.

Jakob Tuggener, der als Kunstfotograf seine Motive bevorzugt auf Tanzbällen fand, zeigt in „Morgen nach der Tanznacht im Schwanen, Oeschgen bei Frick“ ein Stillleben aus halb gefüllten Bier- und Weingläsern auf einer Theke. Auch hier ist kein Mensch in Sicht. Und doch dominieren menschliche Spuren das Bild, die Ahnung einer weinseligen Sause, man glaubt noch das Lallen der letzten Gäste vernehmen zu können. Würde man diese Gläser kaufen wollen? Wohl kaum.

Eine gelungene Produktfotografie, so zeigt sich hier, darf keine Geschichte erzählen. Erst eine sterile, anonyme Inszenierung ermöglicht es dem Betrachter, die angepriesene Ware in seinen eigenen Alltag hinein zu fantasieren.

Auch deshalb haben sich manche Strategien der einst unter Wagenfeld entwickelten Produktfotografie bis heute erhalten. Besonders eindrücklich beweist das ein aktuelles Beispiel aus dem Hause Apple: Da hebt eine herrenlose Hand mit graziler Bewegung ein I-Pad von der blütenweißen Stellfläche. Ein Bild ohne Geschichte, die pure Feier der technischen Perfektion. Nur auf dem Display blinkt romantisch die Idylle der Alpen: Ein bisschen Natur darf es heute dann doch wieder sein.

Bis 3. April im Wilhelm-Wagenfeld-Haus, Am Wall 209, Bremen. Öffnungszeiten: Di. 15-21 Uhr, Mi.-So. 10-18 Uhr.

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