Bremer Weserburg zeigt Böckmanns explosive ter-Hell-Sammlung

Sprengstoff in Farben

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Einfach mal die Farbe draufgehauen: „Addis Abeba“ von ter Hell.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Anfangs, sagt ter Hell, habe er noch eine Arabeske im Sinn gehabt. Sanft schwingende Linien, filigran gestaltete Ornamentik. Doch dann sei ihm die Liebe in die Quere gekommen. Eine Frau, die von ihm nichts wissen wollte. Eine Zurückweisung, die Kränkung, die Wut. „Dann haut man irgendwann einfach nur noch die Farbe drauf!“

Herausgekommen ist dabei „Addis Abeba“ (1984), ein Bild, das vielleicht weniger auf Äthiopiens Hauptstadt verweist als auf die wörtliche Bedeutung ihres Namens: „Neue Blume“. Bei ter Hell blüht sie in knalligem Rot, so rot wie die Liebe, aber auch so rot wie die Wut. Sie blüht zwischen schwarz und grau wucherndem Gestrüpp, in dem man mal ein fremdartiges Schriftbild zu erkennen glaubt, mal die Spuren eines wilden Tanzes. Es ist ein Widerstreit zwischen Konkretion und Abstraktion, zwischen Andeutungen und deren Verweigerung, Zitaten und deren gleichzeitige Zurücknahme. Keine Frage, man kennt diese Kunst, und zwar vor allem unter dem Namen „Informel“. Wols, Nay, Dubuffet, so lauteten die vielleicht prominentesten Namen einer Stilrichtung, die in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach einer Befreiung aus den klassischen Formprinzipien strebte.

Ist das nicht längst vorbei? Natürlich, sagt Peter Friese, Direktor des Bremer Museums Weserburg, das dem deutschen Maler ter Hell nun eine Ausstellung widmet. Doch auch was kunsthistorisch gesehen vorbei ist, habe oftmals noch eine Gegenwart und sogar eine Zukunft.

Im Fall ter Hell könnte diese Gegenwart im Kontrapunkt zu einer Systemgläubigkeit liegen, wie sie moderne Gesellschaften häufig auszeichnet. Es ist der Glaube daran, den Rätseln und Widersprüchen dieser Welt mit ornamentaler Filigranarbeit beikommen zu können, mit Wissen, Fleiß und Disziplin. Und dann kommt plötzlich ein so unberechenbares Ding wie die Wut daher, greift sich den Pinsel und bringt alles durcheinander.

Das erinnert in manchen Bildern nicht zufällig ans Punk-Milieu mit seiner grellen Graffitiästhetik. „Tanz den Adolf Schulze“ (1981) steht in Sprühdosenoptik auf eine dunkle Fläche geschrieben: Die Reminiszenz an die Punk-Band DAF, die im Entstehungsjahr des Bildes empfohlen hatte, zu Mussolini und Adolf Hitler zu tanzen, ist offensichtlich. Und doch entzieht sich auch diese Wut wieder ihrem Gegenstand, nämlich der Ironisierung des Faschismus, schlägt vielmehr um in eine Persiflage des deutschen Meier-Müller-Schulze-Jedermann – und für Eingeweihte wohl auch in eine Anspielung auf Werner Tübkes Bildserie „Die Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze“.

Immer wieder spielt ter Hell mit den Erwartungen an Stichworte und Satzfragmente. „Rumpelstilzchen“ (1978) zum Beispiel irritiert schon allein durch die Zweifelhaftigkeit des auf die Leinwand geschriebenen Zitats „Oh wie gut, dass niemand weiß“: Hieß das bei den Brüdern Grimm nicht „Ach“, statt „Oh“? Und ausgerechnet dort, wo die im ersten Teil des Zitats versprochene exklusive Gewissheit folgen müsste, findet sich statt ihrer eine explosive Anarchie von Farben und Konturen, eine Ahnung des im Märchen so eindrücklich beschriebenen Akts der Selbstzerstörung: nichts da mit Alleinwissen und Herrschaftskontrolle!

Das liest sich in seiner ironischen Substanz durchaus wie ein sinnfälliger Kommentar auf die Gegenwart. Mit seiner knalligen Farbgebung in pastösem Farbauftrag, mit seinen wilden Dispersionen bei kühnem Sprayeinsatz allerdings macht ter Hell es dem Kurator einer Gesamtschau nicht gerade leicht: In geballter Präsenz wirken seine Bilder wie eine einzige Überforderung des Auges. In manchen Räumen mit besonders dichter Hängung hat es den Anschein, als explodiere das Museum geradezu.

Umso erstaunlicher ist, dass es sich in Wahrheit gar nicht im eigentlichen Sinne um eine ter-Hell-Ausstellung handelt, sondern – gemäß dem Auftrag eines Sammlermuseums – um das Ergebnis einer Jahrzehnte währenden Sammlertätigkeit. Georg Böckmann, ein dem Haus seit Jahrzehnten gewogener Kunstliebhaber, hat sich an der provokanten Ästhetik des ter Hell offenbar niemals sattsehen können und seit den Siebzigern eine stattliche Sammlung an ter-Hell-Bildern zusammengekauft. Sage und schreibe 47 Werke kamen über all die Jahre nach und nach in seinen Besitz: Vermutlich sah er sie noch nie alle auf einmal.

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