Die Bremer Shakespeare Company zeigt „König Lear“ als Abgesang auf die Autorität

Alter Waise statt altersweise

Der Narr (Tobias Dürr) liegt schon am Boden, doch Rettung naht: Cordelia (Theresa Rose) ist als rettender Engel im Anmarsch.
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Der Narr (Tobias Dürr) liegt schon am Boden, doch Rettung naht: Cordelia (Theresa Rose) ist als rettender Engel im Anmarsch.

Bremen - Von nichts kommt bekanntlich: nichts. Faule Schüler bekommen diesen Sinnspruch eingetrichtert, Unternehmer versehen mit ihm ihren Bildschirmschoner, aufstrebende Fußballer tätowieren ihn sich in den Arm. Dabei war er so nie gemeint.

Bei Lukrez jedenfalls, dem die Urfassung gemeinhin zugeschrieben wird, heißt es noch: „Nichts kann je aus dem Nichts entstehen durch göttliche Schöpfung.“ Gemeint war damit, dass den Göttern keine Einmischung in den Lauf der Welt möglich sei, dass der Mensch deshalb auch nicht auf ein Leben nach dem Tod hoffen dürfe – gerade deshalb aber erst recht unbeschwert im Hier und Jetzt leben soll.

Irgendwann in den vergangenen zweitausend Jahren muss dem Satz ein fatales Missverständnis widerfahren sein. Und es spricht einiges dafür, dass dies noch vor dem 17. Jahrhundert geschah, vor dem Erscheinen von William Shakespeares tragischem König Lear. „Aus nichts“, blafft dieser seine Tochter an, „kann nichts entstehen!“ Womit er meint: Erst, wer dem Alten in blumigen Worten die Tochterliebe bekundet, darf auf Erbschaft hoffen. Das ganze Drama der Neuzeit spiegelt sich in diesem Satz, die calvinistische Arbeitsethik wie die kapitalistische Ökonomie, der moderne Autoritätsbegriff wie das Ringen um Generationengerechtigkeit.

Am Donnerstagabend hatte das Stück an der Bremer Shakespeare-Company Premiere, auf einer Bühne, deren karge Ausstattung dazu geeignet ist, gleich das ganze breite Themenspektrum auf einmal abzudecken. Hinten führt eine Treppe aus den Höhen der Macht hinab in die Tiefebene der Intrige. Vorne markiert ein weißer Kreis den imaginären Scheinwerferkegel, in dessen Mitte sich Alte und Junge, Väter und Töchter, Mächtige und Ohnmächtige an dem Nichts und seinen Folgen abarbeiten.

Das geschieht einerseits in reduzierter Form, ohne nennenswerte musikalische oder optische Effekte. Andererseits lautstark, wobei der Quell des Geschreis sich verschiebt im Laufe dieses Abends.Anfangs sind es die Patriarchen, die im herrischen Duktus der Macht ihre Befehle über die Bühne donnern. „Welche von euch liebt mich nun wohl am meisten?“, brüllt ein stolz daherschreitender König Lear (Erik Roßbander) seine drei Töchter an. Und als die ersten zwei (Petra-Janina Schultz als Regan und Svea Meiken Auerbach als Goneril) schlangenhaft mit süßen Worten ihre Hochachtung bekunden, die gute Cordelia (Theresa Rose) aber angeblich vor lauter Vatervertrauen einfach „nichts“ sagt, verstärkt sich das Brüllen durch zusätzliches Weinen. Von nichts komme nichts!, ruft‘s da aus dem mächtigen Körper: „Fort! Mir aus den Augen!“

Auch im Hause Gloucester wird gerne väterlich gebrüllt, die Vorstellung, dass der geliebte Sohn Edgar ihn womöglich meucheln will, macht den Alten (Peter Lüchinger) schier verrückt. „Schurke! Schurke!“, geifert er: „Verruchter Bube!“

Am Ende, als die gefallenen Patriarchen nichts mehr ersehnen als die Versöhnung mit den von ihnen zu Unrecht verstoßenen Kindern, ist bloß noch leises Stammeln zu vernehmen. Dann sind es die Jungen, die im Kasernenhofton Befehle über die Bühne kreischen, einander Land, Besitz und Liebhaber neidend. Die Kultur des Patriarchentums, jener Autorität, die sich aus nichts speist als dem bloßen Alter, trägt als Früchte Hass und Unverstand.

Nur einer scheint während all dem den Überblick zu behalten: der Earl von Kent, der zugleich auch als Narr auftritt, fantastisch interpretiert von Tobias Dürr als mysteriöses weiß maskiertes Wesen, flüchtig und agil. „Du hättest nicht alt werden sollen, bevor du nicht weise geworden wärst“, erklärt es dem verstörten Lear dessen unerwarteten Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Und bringt damit das Problem einer pauschalen Verknüpfung von Alter und Autorität auf den Punkt. Zur Seite steht ihm dabei Rainer Iwersens Übersetzung, die anstelle tradierter Begrifflichkeiten wie „Hoheit“ zu spezifisch patriarchatskritischen Vokabeln greift („Ihr habt etwas in eurem Wesen, das ich gern ‚Herr‘ nennen möchte: Autorität!“).

Darstellerisch wird das alles sehr überzeugend verwirklicht, insbesondere von Erik Roßbander, der Lear in seiner Verzweiflung einen Rückzug ins Kindliche einschreibt. Markus Seuß gelingt es, im von Gloucester verstoßenen Sohn Edgar so etwas wie Lebenserfahrung aufscheinen zu lassen, allenfalls Tim Lees Edmund wirkt allzu klischeehaft schnöselig und verschlagen.

Und doch würde man sich in dieser auf Werktreue und historische Kostüme setzenden Inszenierung schärfere Akzentuierungen wünschen. Weil unklar bleibt, was sich aus einem von Begriffen wie Dankbarkeit und Autorität geprägten Generationenverhältnis konkret ergibt, stellt sich streckenweise Langeweile ein.

Wie etwa erklärt sich Cordelias Rückkehr zu ihrem Vater? Ist es tatsächlich Liebe, die sie zu diesem Schritt bewegt oder vielmehr Genugtuung? Regisseur Bernd Freytag scheint dieser Frage mehr auszuweichen als sie zu beantworten, wenn er die verstoßene Tochter als engelsgleiche Jeanne d‘Arc mit weißem Kleid und Brustpanzer präsentiert. Eine Märchenfigur, so erscheint sie, eine bloße Illusion, wie sie sich der alte Lear nur erträumt: Fantasiebilder eines alten Waisen statt eines Altersweisen. Das allerdings passt dann nicht mit Edmunds sehr realen Überlegungen zum weiteren Umgang mit diesem Paar zusammen.

Vielleicht war es auch einfach nur ein bisschen zu viel, was diese Inszenierung an einem einzigen Abend erzählen wollte. Aber das kann bei Shakespeare leicht passieren.

Kommende Vorstellungen: heute sowie am 5., 20. und 30. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Leibnizplatz.

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