Shakespeare Company überrascht mit ihrem dritten „Macbeth“

Mörderischer Ehrgeiz hinter bürgerlicher Maske

Eine Boygroup, mehr braucht es bei der Shakespeare Company nicht.
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Eine Boygroup, mehr braucht es bei der Shakespeare Company nicht.

Bremen - Von Rolf Stein. Aus den Wolken ragt eine Bergkuppe empor – dort muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Allerdings: Weiter hoch geht‘s von dort nicht mehr. Ein Voran gibt es nur bergab.

Als dann Peter Lüchinger hinter dem Vorhang hervortritt, ahnt man schon bald, dass wir es hier nicht mit einem klassischen Abend der Bremer Shakespeare Company zu tun haben. „Wir spielen heute ‚Macbeth'“, erklärt er, beinahe tonlos. Kennen wir – oder? Auf einen „Faktencheck“, wer die Geschichte um den von Hexen, Ehefrau und einer Spur Ehrgeiz getriebenen Heerführer kennt, der zum König aufsteigt, wolle man verzichten. Die Frage, was eine Hexe sei – auch nicht recht zu klären. Könnte nicht jeder von uns eine sein? Und überhaupt: Insgesamt nichts Neues also? Die vermeintliche lapidare Laxheit dem Stoff gegenüber entpuppt sich bald als ihr recht exaktes Gegenteil: Die Shakespeare Company überrascht bei ihrem dritten „Macbeth“ mit einer streng durchkomponierten Lesart der Shakespeare-Tragödie über Aufstieg und Fall ihres Helden.

Vor den Vorhang, auf den der umwolkten Gipfel projiziert ist, treten nun nach und nach drei Herren im Frack, singen „Schön ist scheußlich, scheußlich ist schön“ und tanzen dazu wie eine Boygroup. Nicht nur einer von ihnen wird in den kommenden zwei Stunden Macbeth sein. Sie alle sind (fast) alle Figuren des an Personal nicht unbedingt armen Stücks. Sie, nämlich Tobias Dürr, Tim Lee und Markus Seuß, sind zugleich ihre eigenen Gegenspieler. Und die Hexen. So leicht kann das gehen: das verhängnisvolle Einzelschicksal zu kollektivieren. Schließlich, ließe sich sagen, ist der Aufstieg heutzutage wenn schon nicht jedem möglich, zumindest aber nicht dem blaublütigen Adel vorbehalten. Durchzieht die Konkurrenz um die Macht theoretisch die gesamte Gesellschaft, verbirgt sich hinter der vordergründig harmlosen Biederkeit der bürgerlichen Charaktermaske nicht selten mörderischer Ehrgeiz. Und wenn‘s nur im Kleinen ist: So eine elegante Wohnung ganz in Weiß, wie sie Heike Neugebauer für den Macbeth hinter dem Vorhang auf die Bühne gestellt hat, will ja auch bezahlt werden.

Vervollständigt wird die kühl konzipierte Spielanordnung von Bernd Freytag, der am Leibnizplatz schon den „King Lear“ inszenierte, dadurch, dass noch Lady Macbeth, die vielleicht wesentliche treibende Kraft hinter dem Aufstieg ihres Gatten, als Frack tragender Erik Roßbander nicht schlicht ein Mann in Frauenrolle ist (wie wir es in diesem Theater oft sahen), sondern im Grunde ihrer besseren Hälfte ein Gleiches ist.

„This is a man‘s world“, sang bekanntlich einst James Brown – und eingedenk der Tatsache, dass dieser „Macbeth“ mit einem Plakat beworben wurde, das ein Foto von Merkel und Hollande zeigte, bleibt zu konstatieren: Wer hier wen im Dienste des sozialen Aufstiegs meuchelt, ist, wenn schon nicht gleichgültig, dann zumindest doch keine Frage eines biologischen Geschlechts.

So erweist sich Freytags Ansatz nicht nur im Kosmos der Shakespeare Company als erfrischend andere Lesart, sondern auch als ambitioniertes Gesellschaftsspiel. Nicht ohne moralischen Appell übrigens, vorgetragen von Peter Lüchinger, Chor und Conferencier, im unverändert unbewegten Tonfall: „Wir müssen etwas ändern. Im Kleinen: uns. Und die ganze Welt.“

Gewiss ließe sich das auch auf die Company selbst beziehen, die sich hier einer neuen Ästhetik ausgesetzt hat. Aber vor allem wird hier natürlich geradezu brechtisch das Bedürfnis an Katharsis durch Tragödie zugunsten einer zeitgenossenschaftlichen Anregung zum Weiterdenken verweigert.

Sie muss allerdings, das trübt die Freude, gegen eine im Lauf des Abends aufkommende Zähigkeit ankommen, die angesichts der inszenatorischen Stimmung von Aufbruch (in zweierlei Sinn) enttäuschen muss. Aber das könnte sich noch einrenken, wenn die Inszenierung ein wenig eingespielt ist. Viel Applaus für alle Beteiligten.

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