Alexander Giesche begibt sich mit Bremer Schauspielern auf den Fußballplatz

Spiele ohne Leiden

Und er läuft und läuft und läuft: Justus Ritter auf der Suche nach dem großen Glück in Alexander Giesches „Torture the Artist“. - Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Von Rolf Stein. Beschwingt vom Fußballplatz nach Haus? Kennen Sie. Wenn das eigene Team gewonnen hat. Oder, verzeihen Sie die Spitze, Ihr Team nicht abgestiegen ist. Aber was, wenn gar kein Fußballspiel stattgefunden hat?

Dann hat vielleicht das Theater Bremen eingeladen. Genauer: Alexander Giesche in dessen Auftrag. „Torture the Artist“ heißt die Performance, die auf Platz 12 am Weserstadion zu sehen ist und eine Tortur zumindest für den Schauspieler Justus Ritter sein dürfte, der nicht wenige der 90 Minuten, die das Stück dauert, um den Platz läuft. Eine straffe Disziplin, die dem eher lose arrangierten Abend, der am Mittwoch Premiere hatte, Stringenz verleiht. Seine zentrale Frage lautet: Gibt es Kunst ohne Qual?

Eher Stichwortgeber als Vorlage ist der Roman „Torture the Artist“ (deutscher Titel: „Vincent“) des amerikanischen Autors Joey Goebel. Dessen Held wird Opfer eines Unterhaltungsindustriellen mit Skrupeln, der der Welt nach viel Schund etwas von Wert bescheren will. Und dafür den hochbegabten Vincent um sein Glück bringt, damit er große Kunst schafft. Denn die gibt es angeblich nicht ohne Leiden.

Giesche, in Bremen schon mehrfach mit originellen Regie-Arbeiten aufgefallen, will diesem Dogma etwas engegensetzen. Und zugleich Kunst und Fußball zusammenbringen. Auch das Spiel ist schließlich Geschäft geworden, auch dort quält man sich für den Erfolg, bleibt das Individuum auf der Strecke. Es gehört nicht viel dazu, eine gesellschaftliche Dimension darin zu erkennen.

Neben dem rennenden Ritter ist Nadine Geyersbach als dessen brutale Trainerin mit von der Partie; Matthieu Svetchine tobt und fuchtelt als Trainer einer Phantommannschaft vor der Bank herum, Irene Kleinschmidt muss Ritter, per Trikot als Vincent gekennzeichnet, die bittere Pille verabreichen: Sein Glück werde stets zum Greifen nah, aber unerreichbar sein. Die Erwachsenen mit ihren komplexen Beziehungsgeflechten und geheimen Plänen würden dafür sorgen. Kein Wunder, dass Ritter irgendwann erschöpft aufgibt. Und als Batman das Picknick des vormaligen Trainers stürmt. Sekt für alle statt Ausschluss vom guten Leben!

Eine wichtige Nebenrolle spielen, man kennt das von Giesche, Dinge. Ein Ballon zum Beispiel, den Geyersbach mühevoll aufpumpt und später einsam ins Tor bolzt. Eine Ballkanone, ein sogenanntes Greenkeeper-Mobil, mit dem Kleinschmidt um den Platz saust, wenn sie nicht bunte Bengalos zündet. Auch der Ton spielt eine Rolle. Jubel, langsam lauter werdend, und eine Collage zahlloser Fassungen von „You'll Never Walk Alone“ (arrangiert von Ludwig Abraham).

Giesche, der während der Vorstellung Wurst und Bier serviert, inszeniert in assoziativen Szenen eher assoziative Szenen, bevor gegen Ende die U-17-Juniorinnen von Werder den Platz stürmen. Es hebt ein kunstvoll fröhliches Kicken an, die Bälle fliegen nur so vom Feld – bis auf einen, den die 16 jungen Frauen in spielfreudiger Eintracht ins Tor bugsieren, Jubelknäuel inklusive. Was mit Fußball natürlich viel, andererseits fast nichts zu tun hat. Viel nämlich mit dem Spiel an sich, fast nichts mit der dazugehörigen Branche und ihrem Wettbewerb. Stattdessen gilt bei Giesche „You'll never walk alone“ ganz wörtlich, als geradezu utopisches Miteinander in Kunst und Spiel.

Letzte Vorstellung: Sonntag, 20.30 Uhr, Platz 12 am Weserstadion, Bremen

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