Bremer Schau reflektiert den Filmklassiker „Letztes Jahr in Marienbad“

Nachhaltig verunsichert

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Einsame Menschen in streng geordneter Kulisse: Alain Resnais‘ Filmklassiker „Letztes Jahr in Marienbad“ gibt dem Betrachter Rätsel auf.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Treffen sich Herr X und Frau A im Luxushotel. Sagt Herr X: „Entschuldigung, kennen wir uns nicht?“ Sagt Frau A: „Ich denke nicht!“ So geht großes Kino.

Freilich, sagt Christoph Grunenberg: Viel sei es nicht, was sich als Handlung beschreiben lasse in Alain Resnais‘ legendärem Film „Letztes Jahr in Marienbad“. Manche zählten den Klassiker der Nouvelle Vague wegen seines überschaubaren Plots sogar zu den zehn langweiligsten Produktionen der Geschichte. Doch das, betont der Kunsthallen-Chef, sind Banausen, Ahnungslose. Mindestens jedoch Leute, die den Film zwar ein-, nicht aber zwei- und schon gar nicht zehnmal gesehen haben. Erst beim zehnten Mal nämlich offenbare der Streifen dem Publikum seine ganze Raffinesse: die streng komponierte Sprachlosigkeit, die Vereinsamung der Figuren inmitten der mondänen Architektur der Schlossanlagen in Schleißheim und Nymphenburg.

In der Tat. Wer sich anlässlich der neuen Schau in der Bremer Kunsthalle das Werk noch mal anschauen mag (im Internet leicht zu finden), der wird in der vermeintlichen Ziellosigkeit und gepflegten Langeweile früh einen hellsichtigen Kommentar auf die gesellschaftlichen Psychosen unserer Zeit erkennen – und in der formalen Struktur ein Grundmuster ästhetischer Strömungen heutiger Mode und Popkultur.

Die Bremer Ausstellung interessiert sich nicht allein für diesen prophetischen und stilbildenden Charakter des Films, sondern auch für Resnais‘ eigene Inspirationsquellen. In der Malerei des belgischen Surrealisten Paul Delvaux etwa erkennt der Betrachter unschwer jene traumwandlerischen Figuren wieder, die auch die Kulisse von „Letztes Jahr in Marienbad“ bevölkern. Ernst, stumm und einsam wandeln sie durch antike Tempelhallen, als habe ihnen ihr Bewusstsein um die architektonisch allgegenwärtig versinnbildlichte Kulturgeschichte die Sprache geraubt. Das ist hier nicht mehr die von der Renaissance eingeforderte Ehrfurcht, die dieser Erstarrung zugrunde liegt: Diese Figuren erfahren das Erbe ihrer Kultur vielmehr als Last und Rätsel, als eine Aufgabe, zu der es weder eine Erklärung noch eine Lösung gibt.

Auch der Gedanke an Alberto Giacometti dürfte manchem Rezipienten des Films nicht zufällig gekommen sein. Die Plastik „La Forêt (sept figures, une tête)“ aus dem Jahr 1950 zeigt das für den Künstler typische Spiel mit Nähe und Distanz. So nahe beieinander, so beziehungslos stehen die sieben hageren Gestalten doch zueinander: das Ende des Gesprächs im Zeitalter des Kommunikation.

Vergleicht man die Vorbilder des Films mit seiner Nachwirkung, so fällt auf, wie sehr sich die Perspektive gewandelt hat – fort von der Vereinzelung des Menschen, hin zu Fragen der fotografischen Authentizität und kulturhistorischen Opulenz. Bei Howard Kanovitz und natürlich bei Gerhard Richter wird das filmische respektive fotografische Abbild der Wirklichkeit kritisch reflektiert. Derweil reagieren Künstler wie Cerith Wyn Evans und Jeff Koons auf die Huldigung barocker Zierde durch eine neue Oberschicht. Evans‘ wunderbar kitschiger Kronleuchter mit roten, blauen und gelben Blumen, grünem Blattwerk, Glasschmuck und allerlei weiterem Tand, füllt in eindrucksvoller Aufdringlichkeit den Raum. Koons‘ mit goldenen Schnörkeln und Voluten umrahmter Spiegel verrät seine Anmaßung dagegen erst bei längerer Betrachtung: Tatsächlich lassen sich mit etwas Abstand die Konturen des Jesuskinds mit Lamm erahnen, einem Bild von Leonardo da Vinci nachempfunden.

Die Formsprache des Barock entpuppt sich in diesen Objekten als Reservoir der Herrschaftssymbolik. Herrschaft aber ist nicht auf Dialog und Nähe angelegt, sondern auf Beherrschung und Distanz. So erweist sich der Filmklassiker in seinem eigenen künstlerischen Nachhall als Tragikomödie auf die technologischen wie politischen Umwälzungen der Moderne. Oder vielmehr: auf den durch sie verunsicherten Menschen, der seine verloren gegangene Ordnung durch eine strenge, barocke Selbstinszenierung auszugleichen versucht. Dass die Modeindustrie heute noch mit diesem Zelebrieren der kühlen Selbstbeherrschung ihre Produkte erfolgreich anzupreisen vermag, zeigt, wie nachhaltig diese Verunsicherung weiterhin wirkt.

Es mag immer noch ungewöhnlich sein, eine Ausstellung zu bildender Kunst an einem Film auszurichten. In Bremen zeigt sich aber, dass dieses Vorgehen eindrucksvoll gelingen kann, indem Film und Bild, Geschichte und Behauptung sich wechselseitig kommentieren. Vielleicht muss man den Film „Letztes Jahr in Marienbad“ tatsächlich zehnmal anschauen, bis er sich dem Bewusstsein erschließt. Für die Schau in der Kunsthalle aber reicht schon der erste Versuch.

Bis 13. März in der Kunsthalle Bremen. Öffnungszeiten: Di. 10-21 Uhr, Mi.-So. 10-17 Uhr.

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