Die Bremer Philharmoniker umkreisen Ludwig II auch mit Musical-Klängen

Ins Nirwana mit Cannabis und Kanapee

Katarina Andersson sang auch von Cannabis.
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Katarina Andersson sang auch von Cannabis.

Bremen - Von Rolf Stein. Es ist ein gut gemischtes Vergnügen, wenn auch vor allem ein Vergnügen, den Bremer Philharmonikern bei ihrer Reise durch die musikalischen Auswirkungen Ludwigs II zu folgen.

Es begann am zweiten Festivaltag gleich im „Nirwana“ von Hans von Bülow, wobei man da von ersten wuchtigen Tönen erst einmal wachgerüttelt wurde, bevor es eher streichzart in die sinfonische Dichtung geht, die gleichwohl, wenig buddhistisch, in kraftvolle Crescendi mündet. Bülow selbst soll das Werk „einen Selbstmordversuch in Tönen“ genannt haben. Und das passt, bedeutet doch Nirwana, der höchste Zustand der buddhistischen Leere, wörtlich übersetzt Erlöschen.

Es überrascht kaum, dass das die Sehnsucht nach Erlösung bei Richard Wagner mit weitaus größerem Gestus und Getöse vorbereitet und exekutiert wird. Ouvertüre und Venusbergmusik aus dem „Tannhäuser“ legten im Anschluss beredt davon Zeugnis ab. Dass Markus Poschner und die Bremer Philharmoniker den Stoff beherrschen, war anzunehmen, sorgten sie doch auch schon bei Tobias Kratzers Inszenierung der Oper am Theater Bremen vor rund fünf Jahren für einen mitreißenden Abend.

Während Kratzer das Revoluzzer-Drama mit RAF-Anstrich aktualisierte, weiß auch die konzertante Aufführung zu überzeugen – sofern man sich auf Wagners Überwältigungsfuror einlassen mag, dem kein Gedanke, kein Gefühl groß genug sein konnte. Was einerseits Unerhörtes hervorbrachte, andererseits, nicht nur Wagners Instrumentalisierung durch die deutsche Faschisten wegen, suspekt, mindestens aber überspannt klingen mag.

Mehr davon gab es nach der Pause mit Wagners Huldigungsmarsch für Ludwig II in Es-Dur, dem König zum Geburtstag komponiert und weit weniger ein Marsch als üppige Verherrlichung, der, so erzählt es eine Anekdote, ein Kapellmeister buchstäblich erlegen sein sollte, weil er, unter anderem wegen der musikalischen Ansprüche Wagners, einem Herzanfall erlag.

Danach: Erleichterung. Erstens, weil Franz Hummels Musical über Ludwig aus dem Jahr 2000 die Sache sehr viel leichter nimmt. Zweitens begnügt sich Hummel, einst von der „Süddeutschen Zeitung“ zum „radikalsten Outsider unter den deutschen Tonsetzern“ geadelt, nicht mit musikalischer Konfektionsware, jedenfalls nicht, ohne sie mit diebischer Freude zu missbrauchen. Das „Bacchanal“, mit dem die Bremer Philharmoniker den Schnelldurchgang durch „Ludwig II – Sehnsucht nach dem Paradies“ eröffneten, erinnert an Klassiker der Moderne, die „Luftmusik“ zitiert sich später lustvoll durch die Musikwelt von Asien bis nach New Orleans.

Allerdings kommt Hummel nicht ohne Kitsch aus, wie „Sissis Abschliedslied“, gesungen von Alexandra Steiner, „Du holde Kunst“, von Bariton Dominik Königer dargeboten, und nicht zuletzt das von beiden gemeinsam gesungene „Adler und Möwe“ belegen. Wobei das wenige Szenische der konzertanten Darbietung (Handkuss und Kniefall) geradezu schockierend ungebrochen daherkommen, dass es fast schon wieder Witz hat.

Der lag derweil in der Musik allein – und wenn schon nicht überall, dann doch im Finale des Abends, dem „Maurischen Kiosk“ aus Hummels Musical, in dem Steiner und die schwedische Mezzosporanistin Katarina Andersson von Cannabis und Kanapee schwärmen, zu einer Musik, die auf urbayrischen Werten ruht. Gut wohl auch zur Erholung derer, die das Festival voll auskosten.

Denn heute geht es um 20 Uhr in der Glocke mit Bruckners Symphonie Nr. 7 in die dritte und letzte Runde, einem Werk, das der Komponist dem Kaiser „in tiefster Ehrfurcht gewidmet“ hat. Ein Stück übrigens, das auch der „Führer“ sehr geschätzt haben soll. Eine Pause wird nicht gegeben.

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