Bremer Philharmoniker überzeugen mit Rihm, Sibelius und Brahms

Schon ist alle Nähe fern

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Seine Töne sind immer Inhalt: Frank Peter Zimmermann spielte in Bremen Jean Sibelius‘ Violinkonzert d-Moll op. 47.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Der 1952 geborene Wolfgang Rihm hat sich kompositorisch mehrfach mit dem Werk von Johannes Brahms auseinandergesetzt. 2011 schrieb er für alle vier Sinfonien Stücke, die er vor der jeweiligen Sinfonie gespielt haben wollte. Sie zeigen einerseits eine empfindlich-interessante Annäherung, sie zeigen andererseits die ästhetische Position des Karlsruher Kompositionsprofessors: viel Spätromantik, nur manchmal lugt das 20. Jahrhundert hervor, das 21. schon mal gar nicht. Rihm nennt sein groß besetztes Stück „Nähe Fern 1“ und bezieht sich neben Brahms auf eine Zeile aus einem Gedicht Goethes: „Schon ist alle Nähe fern.“ Tiefe Streicher und tastend zarte Bläser scheinen etwas zu suchen, schwingen sich zu einem riesigen Crescendo auf, Zitate wie der berühmte Alphornruf schimmern durch. - Von Ute Schalz-Laurenze.

War Brahms für Rihm eine regelrechte Vaterfigur, so war es ganz sicher auch Ludwig van Beethoven für Brahms. So stark, dass der sich fünfzehn Jahre lang nicht traute, überhaupt eine Sinfonie zu schreiben. Und so ist denn auch seine erste Sinfonie 1876 eine Hommage an Beethoven: „Jeder Esel hört das gleich“, soll er, auf die Beethoventhemen und Konzeptionen angesprochen, gesagt haben.

Interpretationen von Brahmswerken trennen sich häufig in strenge strukturelle Ansätze und romantische, zutiefst emotionale, beides scheint einander auszuschließen. Markus Poschner macht unmissverständlich klar, dass das eben keine Gegensätze sind, sondern steuert das Orchester mit einer Transparenz ohnegleichen durch seelische Emotionen. Dabei hilft das historische Klangbild: rechts die zweiten Geigen, hinter den Bläsern die Kontrabässe und im Blech historische Instrumente, die die von Brahms vorgeschriebenen Dynamiken sehr viel deutlicher machen können als die viel gröberen neuen. Poschner und die unglaublich folgenden Philharmoniker erzählen mit überragender Spannung vom Geheimnis des Werkes, formen mit unbeschreiblicher Poesie den verklärten zweiten Satz und führen die Düsternisse am Anfang des letzten Satzes mit Furor ins Licht.

Der Musikwissenschaftler Ludwig Finscher hat die Musik von Brahms einmal als „bedrohlich emotional und distanziert“ und „nah und ganz fremd“ genannt. Beides wird in dem gut gebauten Programm neben Rihm und Brahms auch noch im 1903 enstandenen Violinkonzert von Jean Sibelius in der zweiten Fassung von 1905 deutlich: Der Finne Sibelius realisiert hier künstlerisch seine Verehrung für die deutsche Romantik. Nicht ohne viel eigenes beizusteuern. Der den Philharmonikern seit vielen Jahren eng verbundene Geiger Frank Peter Zimmermann beginnt das Konzert mit einem berückenden lyrischen Solo, führt uns in tiefe Melancholie und überzeugt einmal mehr davon, dass er in Bezug auf charakteristische Tongebung zu den ganz Großen zählt: Seine Töne sind immer Inhalt, bewältigen aber auch so brillante Steigerungen wie im letzten Polonaise-Satz des selten gespielten Konzertes. Grenzenlose Begeisterung beim Publikum.

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