Der Bremer Opern-Chef Benedikt von Peter über Emotionen, Experimente und einsame Wesen

„Ein Regisseur ist wie der Bundestrainer“

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„Unterhaltung mit Herz und Hirn ist spannender“: Benedikt von Peter erhält heute Abend den Kurt-Hübner-Preis der Theaterfreunde Bremen.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Heute Abend erhält Benedikt von Peter gemeinsam mit dem Musiktheater am Bremer Theater den Kurt-Hübner-Preis. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußert sich der Opern-Leiter zu Publikumserwartungen, Partituren und den großen Emotionen in der Oper.

Herr von Peter, zunächst einmal Glückwunsch zum Kurt-Hübner-Preis. Wie wichtig sind Ihnen solche Auszeichnungen?

Benedikt von Peter: Vielen Dank! Naja, ein Regisseur ist ja ein bisschen wie der Bundestrainer: Alle wissen wie es geht, alle gucken das Spiel. Und jeder hat den besten Vorschlag. Viele ahnen gar nicht, wie oft man als Regisseur eins „auf die Mütze“ kriegt. Und so ist es im Umkehrschluss auch mit Auszeichnungen. Man bekommt sie und freut sich darüber, aber es bedeutet nicht, dass man deshalb zukünftig vor Kritik geschützt ist. Deshalb versuche ich, mich da sehr zu entkoppeln. Allerdings geht die Auszeichnung in diesem Fall ja nicht nur an mich, sondern an die gesamte Sparte Musiktheater – und das ist ein wunderbares Signal!

Also ist es für Sie fast noch wichtiger, dass auch das Musiktheater den Preis bekommen hat und nicht nur Sie allein?

Von Peter: Ja, das freut mich am allermeisten und das tut sehr gut. Denn es ist nicht immer einfach, in der Oper neue Wege zu gehen. Wir bekommen für unsere Arbeit hier viele begeisterte Rückmeldungen, aber auch viel Kritik um die Ohren. Und deshalb ist es schön und sehr wichtig, in seinem Weg bestätigt zu werden.

Von wem bekommen Sie denn was um die Ohren? Kritiker, Publikum, Intendant?

Von Peter: Nehmen wir als Beispiel meine Inszenierung von „La Bohème“: Ich habe selten so gute Kritiken bekommen wie für diese Inszenierung, habe selten eine Produktion gemacht, zu der Kollegen aus ganz Deutschland gefahren sind und mir danach gesagt haben, dass man „Bohème“ nicht mehr anders inszenieren kann – darunter auch viele Intendanten. Und dennoch hat es diese Produktion beim Publikum sehr schwer. Das tut mir wahnsinnig weh, und das tut vor allem den Menschen weh, die auf der Bühne stehen.

Woran liegt die mangelnde Resonanz? Daran, dass es ein klassisches, konservatives Publikum ist?

Von Peter: Nein, ich bin davon überzeugt, dass das Publikum in Bremen nicht konservativ ist. Allerdings gibt es Missverständnisse, was diese Produktion betrifft. Ich glaube, die Ablehnung ist in verschiedenen Dingen begründet. Ein Punkt ist sicherlich, dass die Zuschauer denken, wir wollen Oper intellektualisieren – vielleicht auch, weil wir in der Vergangenheit tatsächlich viele Experimente gewagt und sehr projektorientiert gearbeitet haben. Aber bei „La Bohème“ kommt meiner Meinung nach noch dazu, dass das Vorgehen, die sterbende Frau nicht auf der Bühne zu zeigen, also gewissermaßen das emotionale Zentrum herauszunehmen, die Zuschauer wütend macht. Dass das Opfer des Stückes, die Mimi, nicht mehr zu sehen ist.

Aber warum macht es das Publikum, gerade in der Oper, so rasend, wenn der Regisseur etwas Essenzielles weglässt?

Von Peter: Das war merkwürdigerweise schon immer so. Oper emotionalisiert viel stärker als Schauspiel. Daher ist der Konsens, der sich gebildet hat, undifferenzierter und die Empfindlichkeit gegenüber Interpretationen höher. Ich glaube zudem, der Begriff Dramaturgie ist in der Oper immer noch nicht so richtig angekommen. Und dass der Regisseur auch mit Techniken arbeitet, die aus dem postdramatischen Schauspiel kommen, ist eine Wende, die in der Oper einfach noch nicht so akzeptiert wird.

Welche Techniken sind dies denn?

Von Peter: Das Zeichen-Deutungs-Regietheater hat das Publikum mittlerweile voll verinnerlicht. Viel neuer sind die Versuche, die wir hier unternehmen, auch mal die erzählerischen Strukturen zu verlassen und das Thema eines Stücks gedanklich zu verdichten. Das sind Verfahren, die im Schauspiel schon ganz lange verwendet werden, aber mit der Oper zu selten versucht wurden. Aus diesem Grund gibt es da Missverständnisse, das Publikum denkt, dass man es mit diesen Interpretationen ärgern will. Dabei ist es kein provokativer, sondern ein affirmativer Zugriff, mit dem wir versuchen, den Stücken auf den Grund zu gehen und ihren Kern zu finden.

In vielen Kritiken ist immer wieder davon die Rede, dass Sie mit der Oper neue Wege gehen wollen. Finden Sie sich darin wieder?

Von Peter: Es hängt sehr davon ab, was man unter „neu“ versteht. Neu bedeutet für mich nicht, Stücke einfach oberflächlich ins Heute zu versetzen und unten im Orchestergraben Musik dazu spielen zu lassen. Ich versuche vielmehr, wieder zur Energie von Musik zurückzukommen, der Musik einen Raum zu geben, bei der man sie fühlt, vor allem auch physisch. Ich gehe beim Inszenieren eigentlich immer von den Partituren aus und versuche, durch die Regie der Musik eine Kraft zu geben.

Wenn Sie sich den Stücken über die Partitur annähern, wie kommen Sie dann dazu, „La Traviata“ nur aus Sicht einer Frau zu erzählen und bei „La Bohème“ nur Männer auf die Bühne zu bringen?

Von Peter: Wenn man die beiden Ouvertüren miteinander vergleicht, dann könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Bei „La Bohème“ hat man nichts als drei abgerissene Takte, eine Art Spring-ins-Feld-Motiv, das aber sofort wieder abbricht und ins Nichts mündet. Dieses Draufgängerische ist das Motiv der vier Männer und repräsentiert ihre Energie, die geprägt ist von Spiel und Aktionismus. Diese drei hereinstürzenden Takte stehen für die Charakteristik und Emotionalität dieser vier Künstler, die beim genauen Hinschauen gar keine wirklichen Künstler sind, sondern eher Selbstdarsteller, die sich zu Künstlern stilisieren.

Bei „La Traviata“ ist das aber ganz anders.

Von Peter: Ja, dort finden wir die erste psychoanalytische Ouvertüre über das Seelenleben einer Frau, die mangelndes Selbstwertgefühl hat. Eine Marilyn, die immer wieder nur für das geliebt wird, was sie äußerlich, nicht aber für das, was sie innerlich ist. Diese Einsamkeit, zusammengenommen mit dem Fakt, dass sich das Liebespaar Violetta-Alfredo in dem Stück gar nicht wirklich begegnet, hat dann den nächsten Schritt geboren. Dass sie das ganze Stück allein erlebt, als Monolog. Und dieses einsame Wesen, auf das wir den gesamten Abend lang schauen, macht wiederum die Essenz von Verdis Musik spürbar. Damit kommen wir dem Stück sehr nahe.

Und weichen damit auch die Distanz zwischen Publikum und Darstellern auf?

Von Peter: Ja, absolut. Denn es gibt in der Oper ja nicht nur eine räumliche Distanz durch den Orchestergraben, sondern oft werden noch zusätzliche Distanzen geschaffen durch Kostüme, die eher Verkleidungen sind oder Dekorationen, die Inhalte eher verstellen als nahe bringen. Das will ich vermeiden.

Ist diese geringe Distanz auch ein Versuch, ein etwas anderes Publikum für Oper zu begeistern?

Von Peter: In jedem Fall geht es darum, das Stück und seinen Inhalt nahezubringen. Dabei habe ich gar keine spezielle Zielgruppe vor Augen, und ich glaube auch nicht, dass es da um Altersunterschiede geht. Eher um eine Offenheit gegenüber dem, was auf der Bühne zu sehen ist. Die finden wir übrigens oft bei Schulklassen, die begeistert aus den Inszenierungen herausgehen, weil sie noch einen sehr unverstellten Blick auf die Dinge haben.

Das ist aber doch ein Hinweis darauf, dass der eingeschlagene Weg, trotz aller Schwierigkeiten, gar nicht so falsch sein kann.

Von Peter: Wir treten keine Flucht nach hinten an, sondern nach vorn. Der Fortschritt kleckert ja oft von den großen Häusern in die kleineren. Erstere werden gerade aber extrem vorsichtig, die Experimentierfreudigkeit nimmt ab. Deshalb sind die Stadttheater vielleicht die letzten Orte, die den Ruf nach Veränderung noch ernst nehmen. Und da wäre es eben der falsche Weg zu sagen: Die Veränderungen werden nicht gleich angenommen, also spielen wir nur noch Musicals. Natürlich ist Unterhaltung legitim. Aber Unterhaltung mit Herz und Hirn ist für mich immer spannender als eine Inszenierung, die an der dekorativen Oberfläche hängen bleiben.

Auch wenn dies bedeutet, das Stamm-Publikum zu verprellen?

Von Peter: Es geht auf keinen Fall darum, jemanden zu verprellen. Ich hoffe sehr, dass wir vermitteln können, dass hinter unserem Ansatz eine tiefe Auseinandersetzung mit den Stücken steht und dass wir das, was wir tun, mit dem Herzen tun.

In der kommenden Spielzeit steht mehr Oper auf dem Programm, den Beginn machen Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Können Sie schon einen Ausblick geben?

Von Peter: Ich wollte schon immer eine Komödie machen, und die Arbeit macht riesigen Spaß, auch wenn das Stück ein echter Brocken und der Stoff durch die Rezeptionsgeschichte sehr überwuchert ist. Wir werden versuchen, ihn durch einen Konflikt verbindlich zu machen: den der Eva. Die Inszenierung ist über weite Strecken sehr komödienhaft und gleichzeitig überwältigend. Es wird eine große Stadt geben, bislang das Aufwendigste, was wir als Bühnenbild gemacht haben. Und wir haben eine unglaublich gute Wagner-Besetzung. Ich denke, das sind Gründe genug, um sich fünf Stunden Wagner anzuschauen …!

Zur Person:

Benedikt von Peter wurde 1977 in Köln geboren, studierte Musikwissenschaft, Germanistik, Jura und Gesang in Bonn und Berlin. Für die Produktion „Chief Joseph“ erhielt er 2007 den Götz-Friedrich-Preis. Seine Inszenierung von „Intolleranza 1960“ wurde 2011 mit dem Theaterpreis „Faust“ als beste Inszenierung Musiktheater bedacht. Seit der Spielzeit 2012/13 ist Benedikt von Peter künstlerischer Leiter des Musiktheaters und Hausregisseur am Bremer Theater.

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