Bremer Magazin feiert Jubiläum

Mit „artist“ Kunst denken

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Kunst war schon immer für die Augen da – und natürlich auch fürs Hirn. Seit Marcel Duchamp allerdings hat sich die Reihenfolge verschoben. Der Urvater der Konzeptkunst hatte von der herkömmlichen Malerei eher abschätzig als einer „retinalen“ Kunst gesprochen, was so viel bedeuten sollte wie: ein bloßes Handwerk der Illustration, Produktion von Tapeten für den Alltag. Kino könne das heute besser, urteilte der Duchamp und sandte deshalb für die nächste Jahresausstellung der New Yorker „Society of Independent Artists“ kurzerhand ein schnödes Urinal aus der Massenproduktion ein. Kunst, heißt es seitdem, ist fürs Gehirn da – und natürlich auch für die Augen. - Von Johannes Bruggaier.

Die Akzentverschiebung hatte Folgen, für die Ästhetik selbst, aber auch für ihre Vermittlung. Letzteres schlug sich nicht zuletzt in einem Boom an Kunstzeitschriften nieder, wie sie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unbekannt waren: Magazine, deren Kunstbegriff nicht primär der Literatur galt wie einst bei Kleists „Phöbus“, Goethes „Propyläen“ oder Schillers „Horen“, sondern die sich ausdrücklich und oft auch ausschließlich der bildenden Kunst widmeten.

Eines dieser Magazine heißt „artist“ und erscheint in Bremen. Dieser Tage feiert es mit der 100. Ausgabe sein 25-jähriges Bestehen, „einigen Besserwissern“ zum Trotz, die dem Projekt seinerzeit ein frühzeitiges Scheitern prophezeit hätten, wie Chefredakteur Joachim Kreibohm spitz bemerkt.

Wozu über Kunst lesen? Zum einen natürlich schlicht, um auf dem Laufenden zu sein in Sachen Vernissagen, Preisvergaben und Personalia. Zum anderen aber auch, um sich neue Blickwinkel zu erschließen, ein neues Sehen auf die Kunst selbst, auf ihre Schöpfer und ihre Arrangeure.

Bei „artist“ kommen die Protagonisten selbst zu Wort, Museumsdirektoren wie Moritz Wesseler vom Kölnischen Kunstverein oder Reinhard Spieler vom Sprengel Museum Hannover, aber auch Sammler wie Rik Reinking in der Jubiläumsausgabe. Die Interviews führt Kreibohm persönlich, für die ausführlichen Künstlerporträts greift das Magazin auf einen festen Stamm an Fachjournalisten aus dem ganzen Bundesgebiet zurück. Essays und Polemiken sorgen für eine kommentierende Reflexion aktueller Strömungen im Kunstbetrieb. Herausragendes Merkmal des Magazinprofils aber dürfte die „artist page“ sein, die trotz Singulars mehrere Seiten umfasst und einem ausgesuchten Künstler zur eigenständigen Gestaltung vorbehalten sind.

Über Kunst lesen heißt über sie nachdenken, was wiederum bedeutet, sie auf ihre intellektuelle Dimension (weniger auf ihre sinnliche) hin zu befragen. In einer Zeit der medial bedingten Renaissance eines „retinalen“ Kunstbegriffs gerät diese Kulturtechnik zusehends unter Druck. Angesichts dieser Entwicklung sind weitere hundert Folgen von „artist“ nur zu wünschen.

Artist Kunstmagazin: Jahresabonnement (vier Ausgaben) 27,80 Euro.

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