Bremer Kunsthalle zeigt Kandidaten für den Kunstpreis der Böttcherstraße

Glück kostet 200000 Dollar

+
Spuren der Strahlung: Eine Dosis Gadolinium nach 14 Tagen (Susanne Kriemann: Untitled (nuclear) I, 2013).

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Dreißigtausend, das ist ein Wort. Und in Euro handelt es sich um eine der höchsten Preissummen, auf die bildende Künstler in Deutschland hoffen dürfen. Zehn Nominierte sind es aktuell, deren Bewerbungen um den Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen ab morgen in der Kunsthalle zu sehen sind.

Es ist eine Schau ohne Programm, offen für sämtliche Fragestellungen, Richtungen, Gattungen, so wollen es die Regeln. Und doch lassen sich Bezüge erkennen zwischen einzelnen Exponaten, zufällige Verbindungen oder auch gemeinsame Reaktionen auf gesellschaftspolitisch virulente Themen.

Das Streben des urbanen Menschen nach der Ferne etwa ist so ein Thema. Es zeigt sich in den textilen Keilrahmbezügen bei Riccardo Paratore: Flächen in blassen Farben, versehen mit Fettspuren oder zerbröselten Knabberbrezeln. Um Decken aus diversen Flugzeugen handelt es sich laut Katalog, und auch die Brezelreste und Tablettenpackungen will er zwischen Sitzreihen der Economyclass gefunden haben. Das Reisen als Urmotiv des aufgeklärten Menschen, verklärt und geheiligt in der Literatur von Francesco Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux bis zu Cees Nootebooms Schiffstagebuch: Es enthüllt bei Paratore sein betont hässlich triviales Gesicht.

Sven Johne stellt dem Betrachter eine Reisende vor, die ihr Ziel längst erreicht hat. Jutta, Mutter eines erfolgreichen Finanzspekulanten, lebt auf einer ihr selbst vermachten einsamen Insel. „Jutta Island“ ist der Inbegriff des Angekommenseins, ein Leben im Paradies mit Villa, Golfplatz und vor allen Dingen Einsamkeit. Im Film lässt Johne sie von ihrer Liebe und ihren erfüllten Hoffnungen erzählen, während links an der Wand Fotografien von Inseln des Pazifikstaates Vanuatu hängen.

Die Einwohner, klärt uns ein Text auf, zählen zu den glücklichsten der Welt, angeblich weil Vanuatu zwar über eine Währung verfüge, im Alltag aber nach wie vor der traditionelle Tauschhandel blühe. Das auf diese Weise vom internationalen Finanzmarkt losgelöste Paradies des Glücks steht gleichwohl zum Verkauf. Kleine Inseln sind laut beigefügtem Preisschild schon ab 200000 Dollar zu haben, für größere werden Millionenbeträge fällig. Der finanzkräftige Bürger erkauft sich das geldlose Glück, ein Bankerleben in der Zivilisation als Preis für spätere Einsamkeit: Bei Johne offenbart sich unser Hoffen und Streben in all seiner Widersprüchlichkeit.

Wie bei Johne, erfährt das Kapital auch bei Nina Beier eine kritische Reflexion. Auf Stapeln handgeknüpfter Perserteppiche machen sich Bronze-Skulpturen aus dem Besitz des Kunstvereins breit, unterfüttert mit Geldscheinen. Weiter hinten, unscheinbar, lassen sich zwei mit Wasser befüllte Fressnäpfe ausmachen, wenngleich die Feststellung wichtig ist, dass es sich weniger um Wasser handele als um den Schweiß und die Tränen der an der Teppichproduktion beteiligten Arbeiter. Und darin besteht das Problem. Denn obgleich die Verbindung von bildhauerisch ästhetisierter und ökonomisch verwerteter Körperlichkeit zu einer Auseinandersetzung mit Strukturen und Erscheinungsformen wirtschaftlichen Handelns verführen mag, so stört doch die Schweiß-und-Tränen-Metapher aufgrund ihrer Nähe zu Ausdrucksformen plakativer Globalisierungskritik.

Glücklicher erscheint da Susanne Kriemanns Annäherung an den „Superman unter den Elementen“, wie es im Katalogtext heißt: Der Held heißt Gadolinium und diente bereits früh zur Herstellung von Glühfäden in Straßenlampen, später zur Herstellung von Kontrollstäben in Atomreaktoren und heute als unverzichtbares Material für Smartphones. Kriemann legt das Metall, das zu den seltenen Erden zählt, in der Dunkelkammer für 14 Tage auf einen Film. Was nach dessen Entwicklung sichtbar wird, ist ein magisch kosmisches Ereignis. Wie ein Besucher aus einem anderen Universum strahlt uns der Stein durch die Dunkelheit des Films entgegen. Ein Gruß der nur vermeintlich gebändigten Natur, deren unheimlichen Kräfte auch in den künstlichsten Apparaten noch wirken.

Ob diese Kräfte auch auf die Jury günstig einzuwirken vermögen, wird sich noch zeigen müssen. „Im Laufe der Ausstellung“ heißt es, werde eine Entscheidung über den diesjährigen Sieger fallen, spätestens aber wohl am 21. September: Dann findet in der Kunsthalle die Preisverleihung statt.

Bis 5. Oktober in der Kunsthalle Bremen. Öffnungszeiten der Ausstellung: Mittwoch bis Sonntag von 10-17 Uhr, Dienstag von 10-21 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mindestens fünf Tote bei Vulkanausbruch in Neuseeland

Mindestens fünf Tote bei Vulkanausbruch in Neuseeland

Weihnachtsmarkt in Martfeld

Weihnachtsmarkt in Martfeld

„ABBA – The Tribute Concert“ in der Mensa

„ABBA – The Tribute Concert“ in der Mensa

Kühlschrank und Kühltruhe reinigen

Kühlschrank und Kühltruhe reinigen

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Deutliche Worte

Deutliche Worte

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Kommentare