Komponist Ogiermann über den deutschen Beitrag zum „Eurovision Song Contest“

Am Zopf aus dem Sumpf

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Unfassbar: Sängerin Natalie Horler von „Cascada“ vertritt Deutschland.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Alljährlich zum Sängerwettstreit „Eurovision Song Contest“ fühlt der Bremer Komponist Christoph Ogiermann für unsere Zeitung dem jeweils deutschen Teilnehmer auf den Zahn. Er erledigt, was sich sonst niemand vornehmen mag: Musik, Text und Inszenierung ernst zu nehmen und kritisch zu hinterfragen.

Diesmal steht die Gruppe „Cascada“ auf dem Prüfstand. „Glorious“ heißt ihr „Song für Malmö“: Er ist vom deutschen Fernsehpublikum in halbdemokratischer Abstimmung zum offiziellen Beitrag gekürt worden.

Herr Ogiermann, zuletzt haben Sie in Roman Lobs Song „Standing Still“ eine Demonstration der Selbstbeherrschung ausgemacht: Der Verlassene dokumentiert, dass er „klar kommt“ und seine Emotionen zu deckeln vermag. Was sagt uns der diesjährige Beitrag zum Eurovision Song Contest?

Ogiermann:Wir sollen „aufhören zu warten“ und uns endlich mal trauen, die Sau rauszulassen. Dabei lautet das entscheidende Wort „Delirious“.

Inwiefern entscheidend?

Ogiermann: Insofern, als es sich um das Pendant zu „Glorious“ handelt. Wir befinden uns damit quasi im Fahrwasser von Richard Wagner: „Unbewusst höchste Lust!“ Dazu passt, dass das offizielle Video in der historischen Stadthalle zu Wuppertal gedreht wurde: ein „prächtiger“ Palast im Neorenaissance-Stil. Die Sängerin (Natalie Horler, die Red.) hat darin nicht viel anderes zu tun, als mit ihrer goldenen Schleppe majestätisch übers Parkett zu schreiten.

Was sagt uns die Musik?

Ogiermann:Gleich zu Beginn kommt es mit Hilfe eines pizzicatoähnlichen Motivs zu einer Überlagerung von drei Schlägen gegen zwei Schläge im Takt. Das bewirkt den Eindruck einer stolpernden Verzögerung. Zudem setzt die Sängerin ganz frei ein, was zusammen mit dem rhythmischen Verzögerungseffekt eine gewisse Unsicherheit, fast Ängstlichkeit suggeriert. Im Video befindet sie sich passend dazu in einem dunklen Seitengang. Dann aber mündet der Song in den geraden Vierer, und die Solistin steht plötzlich im hell erleuchteten Saal, strahlend schön und dominant. Die Botschaft lautet: Seht her, weil ich mich getraut habe, stehe ich jetzt im Licht!

Warum erzählt sie uns das?

Ogiermann:Weil wir genau das zurzeit gut gebrauchen können sollen. Was hier gespielt wird, ist die alte Münchhausen-Nummer: die Idee, wir könnten uns am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen, wenn wir nur wollten. In einer Zeit der Depression soll das Hoffnung, aber auch eine oktroierte Eigenverantwortung vermitteln.

Vor zwei Jahren, bei Lena Meyer-Landrut, war ihnen der fehlende akustische Raum aufgefallen. Sie sahen darin eine Künstlichkeit als Ausdruck des Hygienewahns. Bei „Cascada“ ist dieser Raum aber da: ein geradezu riesiger Raum sogar mit bemerkenswertem Hall.

Ogiermann:Das stimmt nur zu einem Drittel, weil es sich hier vielmehr um drei Räume gleichzeitig handelt: den von Ihnen angesprochenen riesigen Raum, dann einen Mittelraum und schließlich einen Nullraum.

Wie können wir denn den Nullraum hören?

Ogiermann:Wenn wir uns auf den Beat konzentrieren: Der findet ganz vorne statt, als stünde das Schlagzeug direkt vor unserem Gesicht. Im Hintergrund, also dem Mittelraum, befindet sich die instrumentale Ebene: eine Art Discosound, wie wir ihn aus den Achtzigern kennen. Und ganz hinten, in diesem riesigen Raum, steht die Sängerin mit einem schier endlosen Nachhalleffekt auf der eigenen Stimme.

Wozu braucht man diese drei Räume?

Ogiermann:Das ist zwei Funktionen geschuldet. Die erste ist sehr einfach: Tanzmucke. Ganz vorne braucht tanzbare Musik nun mal einen Beat, damit das Publikum klar erkennt, wann die Eins kommt. Funktion Nummer zwei besteht in der Inszenierung dieser Leitfigur: einer Frau, die uns auffordert, ihrem Beispiel zu folgen. Da spricht der Heilsversprecher, der Demagoge, der ganze Stadien zu füllen vermag. Und ein solches Stadion gilt es akustisch darzustellen.

Gleich am Anfang hören wir einen diffusen Klangteppich. Tönt hier das Urchaos? „Die Erde war wüst und leer“?

Ogiermann:Wir haben es mit einem Spaltklang zu tun: Da werden die hohen und tiefen Frequenzen bedient, nur in der Mitte klingt nichts. Auf diese Weise entsteht der Effekt eines noch nicht gefüllten, noch nicht erleuchteten Raumes. In diesen leeren, dunklen Raum stößt dieser Engeleinchor mit einem zarten „Glorious“ – als erster Vorbote der kommenden Erlösung.

Aber die Erlösung gilt dann eigentlich nur für sie selbst. „‘Cause I, I wanna live before I die“, heißt es.

Ogiermann:Nun, sie singt später schon auch davon, dass „wir“ alle „young at heart“ seien…

…dieses „Wir“ kommt doch aber von sehr weit oben. Das ist ein anderes „Wir“ als etwa bei den „Toten Hosen“!

Ogiermann:Das ist der Punkt. Dieses „Wir“ kommt von oben und richtet sich auf eine konservative Mittelschicht, die sich nur allzu gerne in einer retrospektiven Oberschicht wiederfinden würde. Und die höchste Apotheose, die sich dieses Bürgertum vorstellen kann, ist eben „Delirious“: das Delirium. Also steigert sich die hier verkündete Botschaft von der „Musik in mir“ über eine „Liebe“, die „Augen nicht sehen können“ bis zu jenem „Delirium“, auf das konsequenter Weise nur noch stammelndes „Oh, oh, oh“ folgen kann.

Oh, oh, oh?

Ogiermann:Was soll sie im Delirium schon anderes sagen? Man kann das alles nur als Trip verstehen, und zwar als einen sehr egozentrischen: beschränkt auf eine Mittelschicht, die keine anderen Wünsche mehr hat, als diesen Rauschzustand zu erleben. Dass der nur in einem Gebäude der Neorenaissance gelingen kann, liegt auf der Hand. 1870 bis 1908, das war unsere große Zeit, da sollen wir wieder hin wollen – ein Gebäude aus der Nachkriegszeit ist da weniger sexy.

Der Song vertritt ja unser Land.

Ogiermann:So ist es. Die gegenwärtig meistgehasste Nation Europas, die mit ihrer ökonomischen Dominanz ganzen Völkern strenge Regeln vorschreibt, stellt sich mit diesem Egotrip vor: Mit einer majestätisch schreitenden Diva, die Goldkonfetti auf sich herabregnen lässt und dazu auch noch allen Ernstes ruft: „The world is ours!“ Das ist unfassbar.

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