Die Ausfallstraßen der anderen

Bremen - Von Tim Schomacker. Wie um ihre Winzigkeit inmitten des gar nicht großen Galerieraums noch zu unterstreichen, ist eine Briefmarke von einem grauen Karton umgeben. Zur Verhinderung von Verkehrsunfällen fordert das Postwertzeichen auf – dem Design nach vermutlich 1960er-Jahre.

Die briefliche Zirkulation schien geeignet, vorzuwarnen für die Automobile. Denn der Verkehr ist stets ein potenzieller Unfall. Als solchen bezeichnet man landläufig auch manche architektonische oder stadtplanerische Eigenwilligkeit. Zumal jene, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Der 1984 in der Eifel geborene Fotograf Arne Schmitt stellt schon lange das in den Mittelpunkt seiner Arbeiten, was fälschlich „Wiederaufbau“ heißt. Denn nachdem der Zweite Weltkrieg in Deutschland einiges weggeräumt hat, wurde eher anders aufgebaut als wieder-.

Schmitts Diplomarbeit, der Essay in Fotografien „Wenn Gesinnung Form wird“ über die Nachkriegsarchitektur, wurde mit einer Ausstellung im Sprengel Museum bedacht. Seit neuestem lehrt Schmitt an der Hamburger Hochschule für bildende Kunst. Wie Werner Büttner, wie Andreas Slominski – die ebenfalls derzeit in den Bremer Museen prominent vertreten sind. Mit der nach einer Streitschrift des Architekten und Stadtplaners Hans Bernhard Reichow aus dem Jahr 1959 betitelten Schau „Die autogerechte Stadt“ setzt Schmitt in der Bremer K‘ Galerie seine archäologisch-fotografische Arbeit fort. Bezeichnenderweise kommt er dabei ohne Archivaufnahmen aus. Was ihm an Vergangenheit wichtig ist, ist in den heute hergestellten Aufnahmen längst enthalten. Oder: immer noch. Ringstraßen aus Hannover hat er fotografiert und sie in dem Buch „Geräusch einer fernen Brandung“ zusammengefasst. Ohne weißen Rahmen drum, unter Verzicht auf das distanzierende Schwarz-Weiß, scheinen einen die motorisierten Straßenzüge geradezu anzuspringen.

Reichows Überlegungen zur autogerechten Stadt, in der der Verkehr zu fließen habe, sich zu vernetzen in einem Gespinst asphaltierter Kapillare, finden sich als Texttafeln in einer knapp 20-minütigen Diashow. Gezeigt wird ein Gang durch die Bielefelder Sennestadt, ein Ende der 1950er-Jahre von Reichow prototypisch ersonnenes Quartier.

Aus der Perspektive des Fußgängers

Konsequent vom Blickpunkt des Fußgängers aufgenommen, der zugleich Teil des Verkehrsgeschehens ist und dessen Beobachter, gelingt Schmitt zweierlei: Zum einen schafft er mit wenig Text eine Schärfung des Blicks auf die zeitliche Schichtung, die Vorgeschichte(n) dessen, was man sieht. So reißt Schmitt mit seinen Bildern von Straßen, Verkehrsinseln, Trottoirs und Parkplätzen mindestens ein Jahrhundert an (oder auf) – dessen Geschichte sich wahrlich nicht in der Verkehrsplanung erschöpft.

Zum anderen gelingt es Schmitt, über die Ästhetik der „öden Orte“ deutlich hinauszugehen. Bei ihm erzählt das Bild einer durch begrünte Betonpoller „entwerteten“ Straße, in deren Flucht ausgerechnet die Reklametafeln eines Autohauses zu sehen sind, mehr als nur „langweilig“ oder „lustig“. Ein Foto zeigt eine Reihe von Einfamilienhäusern, deren Dächer sich in Richtung des rechten oberen Bildhintergrund schachteln und die sich einen Nebenstraßenverlauf umschmeicheln, der sich sanft um einen bewaldeten Hügel windet. Die Frage, was hier was nachvollzieht, Häuser die Straße oder umgekehrt, weist mitten hinein in den großen Zusammenhang der urbanen Arbeiten Schmitts.

Ein Dutzend, „Glossar“ überschriebene Fotografien komplettieren die „autogerechte Stadt“. Mit Nahaufnahmen von Waschbetonplatten, Kacheln, Mosaiken und Trottoirpflasterungen, verbindet Schmitt seinen sozialgeschichtlichen Hang mit der Geschichte seiner eigenen Profession. Ganz schön souverän und zurückgelehnt für einen Künstler, der das 30. Lebensjahr grad erst vollendet.

Bis 16. März, Galerie K‘, Alexanderstraße 9b, Bremen

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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