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Bremer Filmfest startet mit Guantanamo-Film
und ohne Kaurismäki

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Von: Ulla Heyne

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Moderator Felix Krömer. steht einem Papp-Kaurismäki auf der Bühne
Nur als Pappkamerad auf der Bühne: Aki Kaurismäki (l.) mit Moderator Felix Krömer. © Heyne, Ulla

Zur Eröffnung des Filmfestes Bremen vergab die Sparkasse Bremen am Donnerstag erneut den Filmpreis für ein humoristisches und komödiantisches Gesamtwerk - allerdings an eine Pappfigur, Regisseur Aki Kaurismäki schaffte es nicht rechtzeitig nach Bremen.

Bremen – Ein renommierter Regisseur soll einen Preis für sein Lebenswerk bekommen. Bei der Anreise aus Portugal, wo der Finne beheimatet ist, streikt der Cadillac, in dem der 65-Jährige zu reisen pflegt. Da er jedoch Mietwagen oder Flugzeug als Verkehrsmittel ablehnt, verpasst er die Gala zu seinen Ehren – ein Pappkamerad vertritt den irgendwo in Nordspanien Gestrandeten bei der Verleihung eines goldenen Mopses.

Eine skurrile Geschichte, die wie ein Stoff von Aki Kaurismäki klingt? Ist sie auch – allerdings nicht auf der Leinwand, sondern aus dem wahren Leben gegriffen: Am Donnerstag mussten die Besucher der Eröffnungsgala beim Bremer Filmfest auf einen der wohl schrägsten europäischen Filmschaffenden auf dem roten Teppich verzichten.

Humor als Alleinstellungsmerkmal

Schade, hätte laut Laudator Ulrich Gregor „eine der herausragendsten Figuren des Weltkinos mit Modellcharakter für die Entwicklung des Kinos“ die siebte Auflage doch um den Blick über den deutschen Tellerrand aufgewertet. Seit seiner Neuausrichtung auf Humor und Satire im Jahr 2019 wurde der Preis mit Caroline Link und Hape Kerkeling nämlich ausschließlich in hiesigen Humorgefilden vergeben. So hielt angesichts der Abwesenheit des europäischen cineastischen Schwergewichts nur die Band „Marko Haavisto & Poutahaukat“, durch einige Gastauftritte in Kaurismäki-Streifen wie „Der Mann ohne Vergangenheit“ bekannt, mit ihrem Liveauftritt die finnische Flagge hoch. Etwas Gutes hatte das aber doch: Wegbegleiter und „Entdecker“ Gregor, der den Mops stellvertretend in Empfang nahm, konnte auf Deutsch in Erinnerungen und Anekdoten schwelgen. Seinen Stammgast bei der Berlinale schätzt deren ehemaliger Leiter für seinen Minimalismus, „die Fähigkeit, ohne Worte viel auszudrücken“, aber auch seine Menschlichkeit, den empathischen Blick auf seine einsamen, traurigen Charaktere in tristen Situationen, „die aber nie ohne Hoffnung sind.“ Und für seine Treue zum Festival: „Wir mussten ihn geradezu ermuntern, doch auch mal nach Cannes zu gehen.“

Der Fokus der Bremer auf „Humor“, neben Nachhaltigkeit und Innovation einer der Wettbewerbsschwerpunkte an diesem Wochenende, entspringt dem Bemühen um ein Alleinstellungsmerkmal des vergleichsweise jungen Filmfestivals, das sich seit 2015 von 24 Stunden Filmvorführungen ausschließlich mit Bremen-Bezug zur nunmehr viertägigen Großveranstaltung mit nahezu 200 Filmen aus 38 Ländern an sechs Schauplätzen und mit diversen Reihen gemausert hat. Fast zu viel, um im dicken Programmheft mit Reihen wie „Super8“, dem neuen immersiven Videoformat in der Bremer Kunsthalle „Closeup Bremen“ oder dem spontan aufgelegten Spenden-Special Ukraine noch den Überblick zu bewahren.

Adiye Kurnaz legte sich mit ihrem Anwalt Bernhard Docke (r.), gespielt von Alexander Scheer (l.) mit dem amerikanischen Staat an.
Adiye Kurnaz legte sich mit ihrem Anwalt Bernhard Docke (r.), gespielt von Alexander Scheer (l.) mit dem amerikanischen Staat an. © Heyne

Gleichwohl ist das Festival mit seinem Eröffnungsfilm „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ seinen Wurzeln treu geblieben – Drehort des Streifens um den Bremer Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz, der fünf Jahre unschuldig in Guantanamo einsaß, bevor seine Mutter und deren Anwalt ihn freibekamen, wurde zum großen Teil in der Hansestadt gedreht. Festivalleiter Matthias Greving war der Stolz darüber anzumerken, den Abräumer der Berlinale vom Februar noch vor dem offiziellen Kinostart an Land gezogen zu haben. Und nicht nur das: neben Regisseur Andreas Dresen, Drehbuchautorin Laila Stieler und Rechtsanwalt-Schauspieler Alexander Scheer waren auch die in Bremen beheimateten Vorbilder der Verfilmung des wahren Falles, Rabiye Kurnaz und Rechtsanwalt Bernhard Docke, anwesend, um Rede und Antwort zu stehen. Ganze 14 Jahre hatte es von der Idee bis zur Verfilmung gebraucht – aus gutem Grund. „Ich wollte keinen hoffnungslosen Film drehen“ – aber wie hätte das angesichts des bitteren Falls um den ohne ordentliches Verfahren inhaftierten und gefolterten damals 19-Jährigen gehen können? Die Idee, die Geschichte aus der Perspektive der lebensbejahenden Mutter zu erzählen, kam ihm einige Jahre und drei Drehbuchautoren später, als er die beeindruckende Frau aus Hemelingen kennenlernte. Die in Gestus, Habitus, Diktion und Ausstrahlung äußerst dicht am lebenden Vorbild angelehnte Figur, grandios besetzt mit Meltem Kaptan, schafft es, dem Film einen humorvolles Narrativ zu verleihen, ohne zu bagatellisieren.

Welche Bedeutung der Film über das Erzählen eines Stücks deutscher Zeitgeschichte hinaus hat? Regisseur Dresen appelliert: „Politische Zustände sind menschengemacht, Menschen können sie auch wieder ändern – wir sind keine Objekte der Politik, sondern Subjekte.“ Darüber hinaus greift die universelle Weisheit von Klaus Windheuser, Vertreter der Sparkasse als Sponsor des Filmpreises: „Humor macht die Welt erträglicher“ – und davon gibt es in heute und morgen in den Bremer Kinos noch reichlich zu erleben. Diejenigen, die sich einen Digital-Pass holen – das digitale Streaming als Relikt vom Vorjahr hat sich laut Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt bewährt und dem Festival noch mehr Resonanz beschert –, haben sogar noch eine ganze Woche Zeit, sich die fast 200 Streifen anzusehen. Für alle anderen ist am Sonntag Schluss – und vielleicht, so hoffte Haus- und Hof-Moderator Felix Krömer, schafft es ja auch der renommierte finnische Regisseur in seinem Cadillac bis dahin nach Bremen.

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