Philharmonisches Konzert mit Beehovens Neunter

Bremer Brüder mit hohem Tempo

Hart an der Grenze, aber mit präziser Energie: Markus Poschner überzeugte mit seinem Zugriff auf Beethovens neunte Sinfonie. ·
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Hart an der Grenze, aber mit präziser Energie: Markus Poschner überzeugte mit seinem Zugriff auf Beethovens neunte Sinfonie. ·

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeAus einem fast nicht hörbaren Pianissimo schleicht sich Ludwig van Beethovens berühmte „Freude schöner Götterfunken“-Melodie, nunmehr europäische Hymne, mit der geheimnisumwitterten Klangfarbe der Celli und der Kontrabässe allmählich und immer mehr ins Bewusstsein der Hörer.

So, als gibt es diese Melodie noch gar nicht, so als wäre sie nur zu ahnen. In der Partitur steht nur ein einfaches Piano.

Nicht nur diese Stelle spitzte der Dirigent Markus Poschner in drei aufsehenerregenden (ausverkauften) Konzerten – zusammen mit der öffentlichen Generalprobe und einem Gastspiel in Lüneburg eigentlich fünf – mit den Bremer Philharmonikern in der Glocke auf ihr Extrem zu. Entfesseltes archaikartiges Fortissomochaos im ersten Satz wie in der Einleitung des letzten, zarteste, tröstende Variationen im dritten und fieberhafte Gespenstigkeit im Scherzo – dies in einem unerhörten Tempo, was an der Grenze war.

„An der Grenze“ könnte vielleicht das Motto für diese Interpretation gewesen sein, die der immer wieder unfassbaren Größe des 1824 entstandenen Werkes in der Zeit einer erdrückenden Diktatur mehr als gerecht wird. Denn noch 1785 von Friedrich von Schiller geglaubten „Alle Menschen werden Brüder“ kann 40 Jahre später keine Rede mehr sein.

„Alles neu und nie da gewesen“ war über die Uraufführung zu lesen, und macht den Rang dieser Wiedergabe aus, dieses auch 200 Jahre später noch erfahren zu können. Von den Zeitgenossen als „empörend“, „grässlich“, ungeheuerlich“ und „unspielbar“ empfunden, erzählt die 70 minütige Musik von einer wahnsinnigen Hoffnung und einer ebenso wahnsinnigen Verzweiflung. Könnte ja sein, dass der Werbespruch der Philharmoniker „Alle Bremer werden Brüder“ stimmt, Beethoven sagt uns jedenfalls nichts davon. Bei dieser Art zu spielen gibt es natürlich Gefahren, die Gefahr der Forcierung und die Gefahr von sich verselbständigenden „Klanginseln“: dies jedoch nicht bei Markus Poschner, der es wie immer fabelhaft versteht, alles derartig „Rausgehauene“ inhaltlich einzubinden. Und es auch wie immer versteht, eine ungemein präzise Energie in Details zu legen und gleichzeitig einen kreativen Fluss bei jedem einzelnen Musiker zu erreichen.

Die Solisten passten: Susanne Bernhard, Carolin Masur, Thomas Colley sowie Markus Marquardt bildeten ein perfekt homogenes Solistenquartett und der Norddeutsche Figuralchor (Einstudierung Jörg Straube) meisterte die fast maßlosen Anforderungen bewundernswert.

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