#bremenlebt: Vereine mit Forderungen an Bausenator

Lohse will das Wirrwarr lösen

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Julia von Wild (v.l.), Norbert Schütz (beide Clubverstärker) und Sönke Busch (Sprecher Kulturschutzgebiet) wollen herausbekommen, welche Möglichkeiten das Baurecht wirklich bietet.

Bremen – Von Pascal Faltermann. Behördengänge nerven. Beispiel gefällig? Auf Deutschland-Tour fällt ein Auftritt einer Band aus. Kurzfristig erhält ein Bremer Clubbetreiber die Anfrage der Musiker. Um den Auftritt zu realisieren, muss der Veranstalter drei bis vier Ämter kontaktieren. Schnell. Meist zu schnell.

Zudem darf er eigentlich nur acht Konzerte im Jahr veranstalten. Diese Zahl hat er bereits erreicht. Eines der Probleme in der köchelnden Club- und Kulturszene der Hansestadt. Um solche Fälle zu vereinfachen, treffen sich am Montag Vertreter der Initiative Kulturschutzgebiet mit Bausenator Joachim Lohse (Grüne). Dieser verspricht zu helfen. Ergebnis: Der Überlebenskampf der Kulturschaffenden wird immer politischer.

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Es ist ein Wirrwarr aus Vorgaben, verschiedenen Behörden und unterschiedlichen Auflagen, durch das sich Konzert-Macher wühlen müssen. Eine zuständige Person, einen Ansprechpartner gibt es bei den Ämtern nicht explizit. Norbert Schütz (Vorsitzender des Vereins Clubverstärker), Julia Von Wild (Clubverstärker und Musikszene) und Sönke Busch (Sprecher der Initiative Kulturschutzgebiet) wollen herausbekommen, welche Möglichkeiten das Baurecht wirklich bietet. Kern des Problems sei nicht die Zunahme der Beschwerden von Nachbarn, sondern das juristisch immer härtere Vorgehen von wenigen Anwohnern, verdeutlicht Schütz. „Sie informieren sich genau, was eine Kneipe oder ein Club darf und gehen dann mit Anwälten vors Gericht.“ Dies seien auf keinen Fall zahlreiche Bewohner, sondern Einzelpersonen. Neben neu hinzugezogenen Anwohnern sind das auch Personen, die schon länger im Viertel oder der Neustadt wohnen und häufig selbst im Kulturbereich tätig sind. Deren Namen möchte öffentlich keiner nennen.

Der Grünen-Politiker Carsten Werner habe laut Schütz die Kultur-Diskussion erst ins Laufen gebracht. Werner, der zu dem Treffen mit Lohse an der Bischofsnadel eingeladen hatte, habe ihn angesprochen, weil die Anwohner-Beschwerden im Beirat angekommen seien. In dem Gespräch kommen einige Fragen, die die Kneipen- und Clubbesitzer umtreiben, auf den Tisch. Kann aus einem gastronomischen Betrieb eine Vergnügungsstätte werden? Kann ein bestimmtes Gebiet als kulturelles Schutzgebiet ausgewiesen werden? Aber vor allem: Welches Amt, welche Person ist in Bremen für Genehmigungen, Beratungen und Konfliktlösungen im Bereich nicht staatlich geförderter Kulturangebote zuständig? Senator Lohse spricht sich fast selbstverständlich für die kulturelle Vielfalt im Viertel aus. Er will die Zusammenarbeit in der Verwaltung verbessern, damit es einfacher ist, Veranstaltungen zu genehmigen. Er fordert die Vertreter des Clubverstärkers und des Kulturschutzgebietes auf, Beispiele zu sammeln, wann und wie es Schwierigkeiten mit Behörden gibt und sie ihm zu nennen. „Wir sollten das auch nach der Wahl weiter diskutieren, auch in einem Diskurs mit Anwohnern“, so Lohse, der die Initiative bittet, konkrete Forderungen zu formulieren.

Zu Schaffen machen den Clubbetreibern die Regulierungen des Stadtamtes, wie viele Konzerten erlaubt sind. Acht im Litfass, 15 Musikveranstaltungen im Jahr in der Lila Eule. Ein vielfältiges musikalisches Programm ist da schwer hinzubekommen. Politiker Lohse bittet darum, ihm diese Fälle ebenfalls genau zu nennen, damit er sie intern überprüfen könne. „Meine Mitarbeiter sollen schauen, wie sich diese Auflagen auswirken und auslegen lassen“, so Lohse. Kulturmanagerin Julia von Wild verweist dabei auf eine Definition der Livekomm (LiveMusikKommission – Verband der Musikspielstätten in Deutschland), die besagt, dass unter Musikspielstätten ein Ort musikalischer Prägung verstanden wird, der mindestens 24 Veranstaltungen pro Jahr macht: „Wenn wir nach der Definition gehen, haben wir bald nur noch fünf, sechs Spielstätten in Bremen.“

Eine weitere Erschwernis sind die Rahmenbedingungen im Viertel: Supermärkte haben bis 24 Uhr, Kioske rund um die Uhr geöffnet. Zu jeder Tages- und Nachtzeit bekommen Feiernde ihr Bier und zwar nicht nur in den Kneipen. Die Menschen auf den Straßen verursachen Lärm und pinkeln in Vorgärten. „Aber nur wir werden zur Rechenschaft gezogen“, ärgert sich Clubverstärker-Chef Schütz, der sich wünscht, dass auch andere zur Verantwortung gezogen werden. Kneipen und Clubs locken die Menschen von der Straße in die Lokalität und besitzen Toiletten. Zudem gebe es Türsteher oder Clubbesitzer, die vor ihrer Tür, an ihrer Straße für Ruhe sorgen. „Wir sind also nicht das Problem, sondern Teil der Lösung“, so Schütz. Das Stichwort für Julia von Wild von der Musikszene. Sie fragt: „Was bringt es, die Anzahl von Konzerten herunterzufahren? Die Menschen trinken ihr Bier und feiern dann nicht mehr in den Clubs, sondern auf der Straße, am Kiosk, am Sielwall-Eck.“ Direkt vor den Haustüren.

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