In Bremen wagen sich Künstler in den öffentlichen Raum

Draußen ist es gefährlich

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Die Logik des öffentlichen Raums: „Gute Nachricht“ von Matthias Marx.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. „Achtung!“, ruft dem Passanten am Bremer Teerhof ein Schild mit Überwachungskamera entgegen: „Dieser Bereich wird 23 Stunden audio- und videoüberwacht!“ Der um seine Sicherheit besorgte Bürger mag sich gerade entschließen, erleichtert durchzuschnaufen, da beschleicht ihn auch schon ein leises Unbehagen. „23 Stunden“? Und in welchen restlichen 60 Minuten genau dürfen die Kriminellen dieser Stadt unbeobachtet drauflos prügeln?

Der Bürger hat ein seltsames Verhältnis zum öffentlichen Raum. Einerseits soll er Begegnungen ermöglichen und freie Meinungsäußerung, Anregungen bieten und Überraschungen. Andererseits soll er sicher und ordentlich sein: eine gezähmte Wildnis, ein Safaripark hinter Panzerglas.

Drei Kunsthäuser rund um den Teerhof unternehmen nun eine Expedition in dieses Dickicht. Mit dem über die ganze Stadt verteilten Ausstellungsprojekt „Im Inneren der Stadt“ reagieren die Gesellschaft für aktuelle Kunst (GAK), das Zentrum für Künstlerpublikationen und das Künstlerhaus Bremen auf die Standortdebatte um die Weserburg. Nur wer sich mitten in der Öffentlichkeit befindet, kann diese auch kritisch hinterfragen: So lautet wohl die Botschaft, die von dieser Schau ausgesendet werden soll.

Kritik soll dabei nicht nur – wie in Ahmet Ögüts 23-Stunden-Schild – der Widerspruch von Sicherheitsbedürfnis und Freiheitsstreben erfahren. Den öffentlichen Raum sehen die Initiatoren gleich von mehreren Seiten bedroht. Natürlich von der Digitalisierung des Lebens, die das Private fast gänzlich aufzulösen scheint. Doch auch der Trend zur Privatisierung von zahlreichen öffentlichen Gebäuden und Flächen setze der Öffentlichkeit zu, weil es kaum noch Platz gebe für gewöhnliche Notizen der Bürger: Veranstaltungsplakate, Suchaufrufe, politische Botschaften. Eine in den sechziger Jahren publizierte Stickerserie mit der Aufschrift „Zettel ankleben verboten“ von Timm Ulrichs ist deshalb unversehens wieder aktuell geworden – neu aufgelegt vom Zentrum für Künstlerpublikationen.

Am Teerhof selbst dominiert allerdings die Reflexion der Panzerglas-Safari. So haben Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova einen Haufen Pflastersteine in die Gak geschüttet: genug, um damit nach guter deutscher Ordnung einen Vorplatz abzudichten. Genug aber auch, um damit bei den nächsten Erster-Mai-Krawallen von Autonomen beworfen zu werden. Im Pflasterstein kulminieren Ordnung und Chaos, ein Sinnbild der Öffentlichkeit. Ein trügerisches Sinnbild allerdings. Denn hebt man einen dieser vermeintlich massiven Brocken hoch, fühlt man plötzlich ein zartes Etwas in der Hand: leichtes Porzellan statt schwerer Stein.

Die Wildnis ist ein gefährlicher Ort, wer in ihr bestehen will, braucht Mut und Selbstbewusstsein. Ein so zurückhaltend arbeitender Künstler wie Max Schaffer, der mit durchsichtigem Silikon hier und dort Botschaften auf Mauern schreibt, bekommt das allzu bald zu spüren. Keine 23 Stunden überlebte sein Schriftzug an der Außenwand des Künstlerhauses – da haben auch schon ordnungsberufene Nachbarn mit Lappen und Eimer dem Unfug ein Ende bereitet.

Mal sehen, sagt Gak-Leiterin Anneke de Vries, wie es dagegen dem Künstlerkollektiv „Bouillon Group“ ergehen wird, wenn es in der Innenstadt ganze Plätze einfach mal absperrt. Nicht mit zartem Silikon, sondern mit rot-weißem Absperrband. Verkleidet nicht als kleine Künstlerlein, sondern als Stadtbedienstete mit Uniformen und Warnwesten. Werden die Bürger solch zwar völlig unbegründeten, aber radikalen Eingriffe in den öffentlichen Raum womöglich länger tolerieren als ein paar durchsichtige Buchstaben an einer Hauswand? Man hat so eine Vorahnung.

Es gibt viel zu entdecken in dieser Ausstellung, die so weit in den öffentlichen Raum hineinragt, dass sie immer wieder mit ihm verschmilzt. Die Graffiti da vorne: Teil der Ausstellung? Das alte Zelt dort hinten: Nur zufällig abgestellt? Wo die Wildnis der Öffentlichkeit ganz direkt zum Vorschein kommt und wo sie als Kunst nur inszeniert ist, lässt sich beim besten Willen nicht mehr verlässlich unterscheiden. Den ängstlichen Bürger mag dieser Umstand beunruhigen – für Künstler gibt es nichts Schöneres.

Vom 19. Juli bis 11. Oktober in der Gak, im Künstlerhaus, im Zentrum für Künstlerpublikationen und in der ganzen Stadt Bremen. Eröffnung: morgen um 16 Uhr im Hof des Künstlerhauses. Ausstellungsplan im Internet unter: http://www.bremen.de/Im-Inneren-Der-Stadt

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