Liebe zwischen Mensch und Maschine

Bremen sucht die Superposition

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Ein Fehler in der Matrix? Justus Ritter in „[Zuperpozi’tsio:n]“.

Bremen - Von Rolf Stein. Die erste Premiere des Jahres am Theater Bremen – und schon geht es ums Ganze. Na ja, vielleicht nicht ganz. Aber doch um unser aller Zukunft, ob wir nun besonders internet-affin sind oder nicht. Selbst ein von der Digitalisierung gänzlich Unbeleckter kann schließlich bald von einem autonomen Auto überfahren werden.

Alexander Giesche nennt seine Inszenierungen gern „Visual Poems“, also visuelle Gedichte, was einerseits einen Akzent auf Bühnenbild und Ausstattung legt, zur Textseite hin auf Verschlüsselung verweist.

Damit ist dann eigentlich auch schon klar, dass wir es nicht mit dramatischem Theater im aristotelischen Sinne zu tun haben. Das Visuelle wiederum stellt sich nicht zuletzt über Dinge her, denen Giesche gern ein Eigenleben einhaucht. Was natürlich beim Thema des Abends bestens passt.

„Eine durch und durch positive und stark technologiebasierte Zukunftsvision“ versprach Giesche laut Theater Bremen. „[Zuperpozi’tsio:n]“ nennt er seine neue Arbeit, gesprochen: „Superposition“. Wer da am Ende allerdings die überlegene Position hat, ist nicht unbedingt ausgemacht.

Es steht nämlich im Schlussbild Justus Ritter, der den menschlichen Teil dieses ungleichen Paares darstellt, in einem hoch über dem Boden schwebenden Container. Und Nadine Geyersbach, die die Maschine ist, fordert ihn auf zu springen. Grausam oder ignorant? Oder können diese Kategorien gar nicht treffen? „Du weißt doch, dass ich das nicht kann“, antwortet Ritter.

Komplexität nimmt stetig zu

Was Mensch und Maschine nicht erst an diesem Punkt eint, ist die Unfähigkeit, in den anderen hineinzuschauen. Computer sind mittlerweile bekanntlich derart komplex, dass selbst ihre Programmierer kaum noch in der Lage scheinen, sie in letzter Konsequenz zu kontrollieren. Und Menschen? Fangen wir gar nicht erst davon an.

Dass das noch nicht bedeutet, dass die Maschinen ein Eigenleben im eigentlichen Sinne entwickeln, mit Gefühlen, Interessen, Willen, ist klar. Und man mag es auch für ausgeschlossen halten. Immerhin aber werden sie heute schon als Geschlechtspartner diskutiert – laut „Bild“ würde jeder fünfte Deutsche gerne mal mit einem „Sexroboter“ schlafen.

Nicht jedes Detail erschließt sich

In „[Zuperpozi’tsio:n]“ geht es eher philosophisch zu. Per schlichtem Interface lässt Giesche, der auch die Ausstattung besorgt hat, Ritter die Humanisierung der Maschine vorantreiben. Die Bilder, die Giesche dafür schafft, sind erneut von ganz eigenem Reiz: Ein Vorhang aus LED-Leuchtschnüren, ein Container voller verkabelter Topfpflanzen, Flagge und Fackel bevölkern die Bühne, auf der es im Verlauf des einstündigen Abends auch ein zauberhaftes Ballett der Trägerstangen zu besichtigen gibt.

Dass sich nicht jedes Detail sofort – oder überhaupt – erschließt, schmälert den Zauber des Abends nicht, der auch durch die Musik von Ludwig Abraham besticht. Sie schillert an den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, flirrt digital-emotional, mal mit bröckelndem Wagner-Pathos, mal mit dem dubiosen Charme durch die Synthetik-Mangel genudelter 80er-Jahre-Hits.

Weitere Vorstellungen: Freitag, 26. Januar, Donnerstag, 22. Februar, 20 Uhr, Kleines Haus, Bremen.

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