Saufen gegen die Krise

Die Shakespeare Company bringt „Midsummer“ auf die Bühne

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Plötzlich reich: Für Bob (Tim Lee) und Helena (Linnea Goerge-Kupfer) sind 15 000 Pfund die Gelegenheit, ihr Leben zu ändern. 

Ein dickes Auto? Fahren die anderen. Heiraten? Es reicht nur zur Brautjungfer. Ein Job mit viel Geld? Nicht in Sicht. Nicht mal in weiter Ferne. Eine durchaus deprimierende Lebensbilanz, die Bob und Helena da ziehen – Grund genug, ein Wochenende durchzusaufen.

Das klingt nach verfrühter Midlife-Crisis und das ist es auch, was die Charaktere in der zwei-Personen-Komödie „Midsummer“ erleben. Am Donnerstagabend feierte das Stück bei der Bremer Shakespeare Company Premiere, vielleicht der Beginn einer neuen Reihe mit englischsprachigen Produktionen im Theater am Leibnizplatz. Dort arbeiten sich Tim Lee und Linnea George-Kupfer als Bob und Helena vor vielseitig eingesetzten Europaletten und einem grauen Podest, das mal Parkhaus, Badezimmer oder Wohnungsflur ist (Bühne: Rike Schmitschek), an ihrem deprimierenden Dasein ab.

Guy Roberts inszeniert „Midsummer“ dabei als unterhaltsame Sinnsuche. Dass die Witze ein ums andere Mal haarscharf an der Zote vorbeischrammen? Geschenkt. Wenn es um die essenziellen Fragen des Lebens geht, möchte man es nicht allzu ernst haben. Außerdem gibt es da ja auch noch die musikalischen Einlagen, die sich durch den Abend ziehen. Sie kommen übrigens nicht aus der Konserve, sondern von den beiden Schauspielern selbst: Linnea George-Kupfer spielt die Geige während sich Tim Lee an der Gitarre die Seele aus dem Leib schrammelt. Es sind Songs, deren Texte mitunter ziemlich absurd, aber unverzichtbar für den Verlauf der Handlung sind. Dass der Gesang der beiden im Verlauf ihres mit 15 000 Pfund verschönertem Edinburgh-Abenteuers durch Bars und BDSM-Clubs immer schiefer wird, passt dann auch wunderbar zum moralischen Verfall, den vielleicht jeder in so mancher Partynacht schon an sich selbst beobachten konnte. Wenn man akoholgeschwängert glaubt, der Held der Tanzfläche zu sein – eigentlich aber nur endlos peinlich ist. Zumal die beiden ihr Dilemma allem Alkohol zum Trotz nicht dauerhaft vergessen können, zu unausweichlich sind ihre Probleme. Zwei Gestalten, die am Mitsommer-Wochenende feiernd durch Edinburgh ziehen und einer bitteren Erkenntnis doch nicht entkommen können: dass ihr Leben bei Weitem nicht so verlockend ist, wie sie sich das früher vorgestellt haben. Offenbar eine Erkenntnis, die sich laut Ankündigung auf den Mittdreißiger an sich verallgemeinern lässt.

Da möchte man laut „Nein“ schreien: Nein, ich stolpere nicht so derangiert durchs Leben. Ich bin zufrieden, wirklich. Das mögen wir uns zwar einreden können, Zweifel daran haben wir trotzdem. Vor allem dank dieser Stimmen, die wir auf jeder Familienfeier hören. Die uns mal laut, mal leise fragen: Müsstest du nicht endlich mal heiraten? Oder wenigstens ein Haus kaufen? Mieten, das ist doch rausgeworfenes Geld. Wie, du kannst dir das nicht leisten? Wofür hast du denn studiert? Kein Wunder, dass man da anfängt zu saufen.

Diesen Druck kennen vermutlich auch Ältere, wenngleich wir mit Mitte 30 das Ruder zumindest scheinbar noch einmal herumreißen können. „Midsummer“ gibt uns dafür sogar eine Handlungsanweisung: „Veränderung ist möglich“. Ein Ausruf wie aus dem Poesiealbum: wolkig, zucker-süß – und äußerst schwer umzusetzen. Sicher, Veränderung ist möglich. Und gesellschaftliche Zwänge sollten uns sowieso egal sein. So weit die Theorie. Denn es braucht verdammt viel Mut, die Erwartungen anderer hinter sich zu lassen. Helena und Bob schaffen es dank magischer, schottischer Nächte – für alle anderen dürfte es eine Herkulesaufgabe bleiben.

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