Die Deutsche Kammerphilharmonie entdeckt Amerika, bittet nach Köln und pflegt Tenever

Bremen hofft auf den Skandal

Mozart auf Japanisch-Bremisch: „Die Zauberflöte“ mit Kyôgen-Schauspielern, begleitet vom Bläserensemble der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Bremen - Von Johannes BruggaierMozarts Opern kennt in Japan jedes Kind, doch wer die „Zauberflöte“ live erleben will, bekommt Probleme. Mit dem Siegeszug der europäischen Musik ist nämlich keineswegs ein Siegeszug des westlichen Theaters einhergegangen. Darstellendes Spiel bedeutet in Japan immer noch vor allem das traditionelle Nô-Theater oder dessen heiteres Gegenstück, das Kyôgen.

Die „Zauberflöte“ ist deshalb überwiegend eine rein konzertante Angelegenheit, Inszenierungen kennt das japanische Publikum meist nur aus dem Fernsehen.

Man könnte diesen Umstand als kulturellen Mangel begreifen. Man könnte aber auch wie die Bläsersolisten der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen die eurozentristische Warte verlassen, könnte sich fragen, warum überhaupt Japan zwar von Europa zu lernen bereit ist, Europa aber nicht von Japan. Im Fall des Bremer Ensembles mündete diese Frage in ein Opernprojekt, das in Wahrheit gar keines ist. Die „Zauberflöte“ im Gewand des Kyôgen-Theaters, das ist eine Oper ohne Gesang und eine Handlung, die sich selbst verneint. Kurz: ein einziger Widerspruch. Und damit eine vielversprechende Innovation – wie auf der Jahrespressekonferenz des Orchesters eine kurze Videopräsentation zeigt. Die Einlösung dieses Versprechens ist für den 24. und 25. Mai in der Bremer Glocke zu erwarten.

Die Deutsche Kammerphilharmonie hat also bei all ihren kommerziellen Erfolgen den genuin künstlerischen Auftrag offenbar nicht aus den Augen verloren. Es ist eine zweigleisige Strategie, der sich die Musiker verschrieben haben. Einerseits, so erklärt der künstlerische Direktor, Hans Otto, setze man auf große Namen. Auf den Startrompeter Håkan Hardenberger etwa, am 18. Februar in Bremen zu Gast. Auf den Pianisten Lars Vogt und den Dirigenten Louis Langrée (18. März in Bremen). Oder auch auf Heinrich Schiff, der am 25. November ein Schubert-Programm präsentiert.

Andererseits aber gebe es auch den Willen, das Neue, Unbekannte zu erschließen. Zum Beispiel durch die Verpflichtung junger, eher unbekannter Künstler: Solisten wie die Geigerin Alina Ibragimova  – eine Schülerin von Christian Tetzlaff, die unter der Leitung von Paavo Järvi am 6. und 7. April Mozarts Violinkonzert Nr. 4 in der Bremer Glocke interpretieren wird. Oder auch Alexander Prior, der im rekordverdächtigen Alter von gerade einmal 18 Jahren das nächste Festival „Sommer in Lesmona“ (1. bis 3. Juli in Knoops Park) am Pult bestreitet.

Nach Japan 2010 steht im neuen Jahr Südamerika auf dem Tourneeplan. Gemeinsam mit Christian Tetzlaff will man das Publikum in Brasilien, Chile, Uruguay und Argentinien mit Kammerphilharmonie-Interpretationen von Haydn, Schönberg, Schumann und Mendelssohn vertraut machen.

Derweil soll das zuletzt viel beachtete Engagement an der Bremer Gesamtschule Ost nicht ruhen. So wird Mark Scheibe weiterhin die Show-Reihe „Melodie des Lebens“ moderieren. Und für Anfang Mai ist der „Polski Blues“ geplant: eine Janosch-Erzählung, szenisch realisiert in einem Zirkuszelt, das Ganze mitten in Osterholz-Tenever.

Für das Bremer Publikum, so hat es den Anschein, bleibt vom großen Kammerphilharmonie-Kuchen 2011 genügend übrig. Bei dem einen oder anderen Auftritt in der Ferne plagt Hans Otto dennoch ein wenig das schlechte Gewissen. Das Neujahrskonzert in der Kölner Philharmonie, so sagt er, biete beispielsweise ein herausragendes Programm. Cameron Carpenter, ebenso ruhmreicher wie exzentrischer Orgelvirtuose und Komponist, werde dann ein eigens für die Kammerphilharmonie verfasstes Stück präsentieren. Titel: „Der Skandal“. Er arbeite zwar daran, sagt Otto, dass dieser musikalische Eklat auch in der Glocke stattfinden kann. Vorerst aber bleibe ihm nichts anderes übrig, als dem Bremer Stammpublikum dringend eine Reise nach Köln ans Herz zu legen. Immerhin näher als Uruguay.

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