Der Spaß ist vorbei

Chuck Palahniuk liefert die Fortsetzung von „Fight Club“ mit den Mitteln des Comic

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Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Als zum Finale von „Fight Club“ die Bankenhochhäuser explodieren während im Hintergrund die Pixies laufen, sagt Edward Nortons namenlose Hauptrolle zu seiner Freundin: „Du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens getroffen.“

Im Jahr 1999 war das, und seltsam ist diese Zeit wohl für alle gewesen. Nur so lässt sich erklären, dass dieser Film mit seinen philosophischen Plattitüden und seinem unverhohlenen Hass auf die bürgerliche Gesellschaft zum Welterfolg werden konnte. Macho-Fantasien von einer vermeintlich natürlich geordneten, weniger entfremdeten Welt, in der man sich noch die Fresse einschlägt und wo geheime Männerbünde aus dem Dienstleistungssektor die Revolte gegen „die da oben“ planen. Total sozialkritisch und irgendwie ironisch, so wie es in den 90ern üblich war.

Fast 20 Jahre später hat Chuck Palahniuk, Autor der Romanvorlage, nun eine Fortsetzung geschrieben – als Comic. Der Namenlose heißt jetzt Sebastian, ist mit Marla von damals zusammen, hat auch ein Kind mit ihr. Und alles wäre zwar nicht gut, aber immerhin ok, wäre sein Alter Ego Tyler Durden nicht zurück, im Film gespielt von Brad Pitt, im Comic nach dessen Vorbild gezeichnet.

Plötzlich ist das Kind weg und es beginnt eine irre Verfolgungsjagd um den Globus einerseits – und zugleich zurück an die Schauplätze des ersten Teils. Die Geschichte geht nicht nur weiter, sie ist auch größer geworden: Tyler scheint nämlich weit älter zu sein als Sebastian, wird scheinbar schon seit Generationen an neue Wirte verebt – und strebt nun den nächsten Sprung an. Zwei Väter konkurrieren um das Kind.

Auf Banken-Sprengung folgte „Ground Zero“

Spannender als die Geschichte ist aber, dass sie überhaupt erzählt wird. „Fight Club“ vollbrachte damals das fragwürdige Kunststück, den bürgerlichen Selbsthass und die darin schlummernde Barbarei zwar präzise zu benennen, gleichzeitig aber auch ein Werbefilmchen für den Zivilisationsbruch zu bieten. Heute geht das freilich nicht mehr. Zwei Jahre nach den Banken aus Fight Club haben echte Terroristen echte Hochhäuser gesprengt und die abgehängte Jugend aus den Vorstädten Europas folgt den Schlachtrufen echter Barbaren in islamistische Terrorzentren.

Das hat auch Palahniuk gemerkt. Im Comic ist das brennende World Trade Center zu sehen, Tylers Parole „Schneid ihm den Kopf ab“ wirkt beklemmend, wo die Spaßguerilla im ersten Teil zwischendurch noch tatsächlich lustig war. Auch innerhalb der Erzählung ist die Eskalation vorangegangen: Statt zum Schein wird nun tatsächlich liquidiert. Aus dem „Projekt Chaos“, das mit viel gutem Willen noch als anarchistisches Weltverbesserungsunternehmen verstanden werden konnte, ist ein weltweit agierender Söldnerkonzern geworden.

Filmeinstellungen unaufdringlich zitiert

Drastisch sind auch die Gewaltbilder von Eisner-Award-Gewinner Cameron Stewart, der hier gekonnt auf die Action fokussiert und zugleich immer wieder Filmeinstellungen zitiert, ohne aufdringlich zu werden: Blutlachen, zermatschte Gesichter und immer wieder Zitate.

Stilistisch bewegt sich das voll im Rahmen des US-amerikanischen Mainstream: Sieht super aus, überrascht aber auch nicht. Zwischendurch liegen Pillen scheinbar auf der Seite, noch oberhalb der Panels und Sprechblasen. Sie verweisen darauf, dass Palahniuks Geschichte auf mehren Ebenen erzählt wird.

Er hat sich sogar selbst hineingeschrieben, wird von Figuren der Geschichte aufgesucht, gegen Ende tauchen wütende Leser auf, um sich mit Comicheften in der Hand über den Verlauf zu beschweren. „Das ist jetzt fast zu meta“, heißt es da. Klingt nach einem Gag, ist aber der eigentliche Sinn dieser Fortsetzung: Die ironischen 90er sind unwiederbringlich vorbei, eine Geschichte wie „Fight Club“ kann heute nicht mehr erzählt werden. Das nun ausgerechnet mit den Mitteln von damals zu tun, kann nur einem Querkopf wie Palahniuk einfallen. Dass der Versuch gelingt, zeugt von seinem erzählerischen Genie und dem Mut, als Kritiker auch vor dem eigenen Werk nicht halt zu machen.

Chuck Palahniuk, Cameron Stewart: „Fight Club 2“, zwei Bände, Splitter Verlag, 22,80 Euro.

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