Hochkultur geht nicht

Zu Besuch in der Station Neu-Blumenthal

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Vor allem Kinder aus dem Stadtteil kommen zu Mirko Borscht in die Station Neu-Blumenthal. - 

Bremen - „Heute ist der erste Tag, an dem ich aufgestanden bin und es gab wirklich nichts zu tun“, sagt Mirko Borscht, der die Langzeitperformance „Aufstieg und Fall der Station Neu-Blumenthal“ für das Theater Bremen ersonnen hat und als künstlerischer Leiter verantwortet, am Dienstag. Immerhin schon seit dem 7. Mai ist Borscht mit seinem Team auf dem Marktplatz in Bremen-Blumenthal präsent, bis zum 16. Juni wollen sie bleiben – als eine kulturelle Kolonialstation. Zumindest war das einmal der Plan.

Dabei hatte Borscht schon nach einer Woche beschlossen, die Planung Planung sein zu lassen. Ein paar Gastspiele befreundeter Theatermacher und anderer Künstler hat es trotzdem in den vergangenen Wochen gegeben. Neulich hat es dann in die Hütte geregnet, die da so eigentümlich schräg aus dem Marktplatz zu wachsen scheint. Danach haben Borscht und seine Kollegen beschlossen, auszumisten.

Am Dienstag ist die Bibliothek dran: Borschts Kollege Farhad Taghizade, der angeblich mittlerweile unter einer Strandmuschel irgendwo auf der Straße schläft, drapiert die Bücher vor der Hütte, eine Spendendose steht gleich nebenan. Ab und zu verteilt er Wäscheklammern an die wenigen Menschen, die im Schatten sitzend das Geschehen beäugen. Die Schauspielerin Irene Kleinschmidt, die auch zur Besatzung der Station gehört, ist heute nicht vor Ort. Aber sie ist regelmäßig bei der Station, sorgt unter anderem jeden Sonntag für ein öffentliches Frühstück auf dem Marktplatz. Aber so wie vor zwei Jahren, als das Theater Bremen inszenierte Stadtteilspaziergänge anbot und Gastspiele im Herrenhaus und ein Konzertprogramm auf dem Markt? Nein, diesmal ist das alles eine Nummer kleiner.

Geblieben vom „Auswärtsspiel“ vor zwei Jahren ist übrigens durchaus etwas: Das Nunatak am Markt zum Beispiel lädt zu Ausstellungen, Lesungen oder einfach so zu Begegnungen. Zurzeit ist dort die Ausstellung „Ohh Porajmos…“ von Boris Weinreich zu sehen, die vom Massenmord an Sinti und Roma während des deutschen Faschismus erzählt. Die benachbarten Ladenlokale sollen auch bald belebt werden.

So etwas wie Hochkultur allerdings, konstatiert Borscht, funktioniert hier einfach nicht. „Alles, was abstrakt ist, wird entweder als Unterhaltungsprogramm verstanden, oder es verstört auf eine dumme Art. Deswegen haben wir alles runtergefahren. Es war dann immer noch viel zu viel.“

Geblieben sei eigentlich nur, dass man mit den Menschen lebe. Und dann, anders als die Blumenthaler wieder weggehe. Was bleibt? „Wir hatten hier eine Grindcore-Band gespielt. Und dann siehst du zehn Kinder, die komplett durchdrehen. Da hab ich das Gefühl, dass das viel mehr ist, als wir mit dem Kunstscheiß, den wir hier veranstalten, erreichen kann.“ Das macht Hoffnung, dass doch etwas bleibt.

„Aufstieg und Fall der Station Neu-Blumenthal“: bis 16. Juni, Bremen-Blumenthal.

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