Bremer Band Spröde Lippen veröffentlicht viertes Album

Dezidierte Dissidenz

Bremen - Von Rolf Stein. Wer im Jahr 2018, wie die Bremer Band mit dem zauberhaften Namen Spröde Lippen, ein Album unter dem Titel „Schleifen“ veröffentlicht, hat dabei gewiss mehrere Bedeutungen des Wortes mitgedacht: Schleifen als Plural dessen, was im Englischen und nicht nur unter Musikern Loop heißt. Also die Wiederholung einer Klangsequenz, heute recht unkompliziert mit wenigen technischen Hilfsmitteln zu bewerkstelligen.

Aber es gibt eben auch eine andere, gleichfalls geräuschhafte Bedeutung des Wortes. Da läuft etwas nicht glatt an einer Oberfläche entlang, sondern arbeitet sich daran ab. Wie Schleifpapier, mehr oder weniger grob gekörnt, das Spuren hinterlässt, wo es zum Einsatz kommt. Das Quartett Spröde Lippen bewegt sich zwar im Umfeld des Latenz-Labels, das seinerseits vor allem für elektronische Musik steht, sozusagen dem natürlichen Biotop des Loops. Im Latenz-Kontext nehmen sie allerdings als Beinahe-Rock-Band eine Sonderstellung ein.

Rock, weil Spröde Lippen mit Schlagzeug, Gitarre und so weiter arbeiten – übrigens aber auch mit Elektronik. Und „beinahe“, weil sie zwischen sich und dessen Breitbeinigkeit, dem Testosteron, den Gniedeligkeiten, dem Virtuosentum maximale Distanz legen. Stattdessen erinnern sie vor allem an die New Wave der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, an einen selbstbewusst bis provokant ausgestellten Dilettantismus, aber auch und nicht zuletzt an ein Nichteinverstandensein, das sich weniger in möglichst eindeutigen Parolen als vielmehr in einer möglichst ungeschmeidigen Ästhetik ausdrückt – um nicht das Wörtchen spröde zu benutzen.

Auf „Schleifen“, dem vierten Album der Band klingt das geschmeidiger denn je, ohne dass es dabei gefällig geraten wäre. Aufgenommen wurde „Schleifen“ von Gregor Hennig im ehrwürdigen Studio Nord in Bremen, wo Spröde Lippen heute Abend zur Feier der Veröffentlichung auch auftreten werden. Hennig dürfte zumindest ein Mitverdienst daran haben, dass die Musikerinnen hier aufgeräumt klingen wie nie. Was nicht etwa für eine neue Heiterkeit steht, sondern dafür, dass die Songs ihre Anliegen präziser formulieren. Zu diesen Anliegen gehört, wie schon angedeutet, ein ganz dezidiertes Dissensangebot. Das allerdings nicht ohne utopischen Gehalt ist: In „Vor mir“ heißt es unter anderem: „Schenk mir eine Reise, die ich machen will, nicht flüchte weil ich weg muss, sondern aus Genuss.“

Auch deswegen und trotz der Sandow-Hommage „Born in GDR“ klingt „Schleifen“ erfreulich heutig.

Spröde Lippen, Dec Oder und DJ Opferrolle (aka Terrorrythmus), Freitag, 21 Uhr im Studio Nord, Bremen-Oberneuland.

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