Hat Bremen die Anbindung wichtiger Sammlungen verpatzt? Eine Spurensuche

Perfide Politik

Sammler sind in Bremen gar nicht gern gesehen, sie könnten bei der Abwicklung der Weserburg stören.
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Sammler sind in Bremen gar nicht gern gesehen, sie könnten bei der Abwicklung der Weserburg stören.

Bremen - Von Radek Krolczyk. Seit rund zwei Wochen wird in Bremens Kunstszene und Kulturpolitik ein Vorgang diskutiert, der bereits einige Jahre zurückliegt. Gegenüber der Kulturbehörde wird der Vorwurf laut, sie habe die Anbindung zweier wichtiger Sammlungen an die Stadt verpatzt, – der weltweit drittgrößten Gerhard-Richter-Sammlung und Deutschlands zweitgrößter Fluxus-Sammlung. Beides hochkarätige Kollektionen, bei denen Kunsthistorikern und Tourismusmarketingexperten das Wasser im Munde zusammenläuft.

Der Weser-Kurier zitierte am Donnerstag brav die Pressestelle der Kulturstaatsrätin: Es handele sich dabei um eine alte Debatte. Tatsächlich wurde dies niemals öffentlich diskutiert. Leider eine gewöhnliche Bremer Hinterzimmerpolitposse.

Oftmals sind es ganz zufällige Momente, die dazu führen, dass Verschüttetes zum Vorschein kommt. So etwa im November 2015. Da wurde im Museum Weserburg die Ausstellung des Malers ter Hell eröffnet. Die knapp fünfzig großformatigen Werke stammen aus der Sammlung des Berliner Steuerrechtlers Georg Böckmann. Dieser verfügt über eine der bedeutendsten Kunstkollektionen der Bundesrepublik und gehört zu den Gründern des Sammlermuseums auf der Teerhofinsel. Im Laufe des Abends kam die Frage auf, warum 2013 ein anderes, sehr viel wichtigeres Konvolut der Sammlung als Dauerleihgabe an das neue Museum Nürnberg gegangen ist.

Das Bremer Museum wäre hier naheliegender, immerhin engagiert Böckmann sich bereits seit vielen Jahren im Stiftungsrat. Das Konvolut, um das es ging, besteht aus insgesamt 69 Arbeiten von Isa Genzken, A. R. Penck, Gotthard Graubner und Gerhard Richter. Letzterer ist mit 34 Bildern vertreten. In Nürnberg war die Freude über die Sammlung riesig. Ebenso der zu erwartende Erfolg: Allein während einer dreimonatigen Richter-Einzelschau konnte das Museum ein Plus von 40000 Besuchern verzeichnen.

Die Frage ist brennend: Warum nicht Bremen? An diesem Abend kommt die Rede auf den ursprünglichen Wunsch des Sammlers, die Bilder längerfristig an die Weserburg zu binden, auf Versprechungen der Kulturbehörde, Hinhaltemanöver und schließlich offenen Streit. Böckmanns Bedingung für die Dauerleihgabe war die Anmeldung seiner Sammlung als steuerbefreite Stiftung.

Heute möchte er über das Thema nicht mehr sprechen. Umso mehr rumort es in der Kunstszene. Man fragt sich, wie die Weserburg, wie die Stadt Bremen mit einer solchen Sammlung heute aufgestellt wären. Und ahnt: Mindestens das angeschlagene Museum wäre saniert. Claas Rohmeyer, kulturpolitischer Sprecher der CDU, sieht den Schaden weit über die Kulturpolitik hinaus: „Sollte das in seiner ganzen Dimension wahr sein, beträfe es auch Tourismus und Wirtschaft“, äußert er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Böckmann ist kein Einzelfall. Ähnlich scheint es dem Sammlerehepaar Walter und Maria Schnepel ergangen zu sein. Der Kreiszeitung sagte Walter Schnepel, aus dem Kulturressort sei ihm seit 2008 suggeriert worden, seine Fluxus-Sammlung könne als steuerbefreite Stiftung und damit Dauerleihgabe an die Weserburg geholt werden. 2010 hieß es aus dem damals von Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) geführten Ressort, man wolle bis mit der Anmeldung nach der Wahl 2011 warten. 2012 erhielten Böckmann und Schnepel erst auf Nachfrage schließlich die Absage. Anders als die Sammlung Böckmann ist die Sammlung Schnepel auch inhaltlich für Bremen von großer Bedeutung. Schließlich schlagen sich in ihr die engen Beziehungen zwischen verschiedenen Akteuren wie dem Künstler Wolfgang Hainke und dem Galeristenehepaar Seinsoth nieder. Heute befindet sich die Sammlung in Ungarn.

Eine von Erbschaftssteuer befreite Stiftung, wie im Sinne der beiden Sammler, ist steuerrechtlich ein Sonderfall. „Unter bestimmten Bedingungen sei eine solche Befreiung möglich“, so der Berliner Rechtsanwalt und Kunsthistoriker Bertold Schmidt-Thomé. „Grundlage wäre ein besonderes öffentliches Interesse an den Sammlungen, das sehe ich in diesen beiden Fällen für mehr als gegeben.“ Die Kulturbehörde erklärt in einer Stellungnahme, es habe rechtlich keine Möglichkeit gegeben, die Sammlungen als Stiftungen anzuerkennen. Schmidt-Thomé: „Der Umstand, dass solcherlei Befreiungen in anderen Bundesländern praktiziert werden zeigt doch, dass es keine rechtliche, sondern eine politische Frage ist.“

Der Direktor der Bremer Kunsthalle, Christoph Grunenberg, erklärt dagegen, der Bremer Umgang mit Sammlern sei ein Problem, das weit über den Umgang mit Böckmann und Schnepel reiche: „Es ist ein Verlust für die Kultur der Stadt, wenn hochkarätige Werke oder Sammlungen nicht nach Bremen kommen beziehungsweise nachträglich verloren gehen. Die Kunsthalle Bremen hat leider schlechte Erfahrungen mit den gegenwärtigen juristischen Gegebenheiten zur Erbschaftssteuer in Bremen gemacht.“ Anwalt Schmidt-Thomé hält die Tatsache, dass eine Stadt, die sich zur Gründung eines Sammlermuseums entschieden hat, solch einen Umgang wählt, für ein Paradox. Denn dort gehe es schließlich ganz zentral um die Arbeit und auch Übernahme privater Sammlungen.

Tatsächlich lässt sich in der Haltung der Kulturpolitik gegenüber dem Museum mit dem Wahljahr 2011 eine Wende beobachten. Parallel zu Versprechen und Korb gegenüber den Sammlern verläuft Förderung und Rückbau der Weserburg. Seitdem wurde das Haus zum Verkauf großer Teile der Sammlung genötigt. Die Auflösung als Museum wird vorangetrieben. Im Hinblick auf den politischen Umgang mit Böckmann, ist es nahezu perfide, wenn die Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz bei der Sitzung der Kulturdeputation Anfang Februar hinsichtlich der Besucherzahlen der Weserburg den Vergleich mit dem Neuen Museum Nürnberg bemüht. Sie ist in etwa so redlich, wie eine Knieschußattentäterin, die ihr Opfer hinterher anranzt, es bewege sich zu langsam.

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