Regenfälle und sonstige Wasserschlachten bei Tschechows „Drei Schwestern“ im Schauspielhaus Hannover

Braun macht die Sache nicht besser

Ins Wasser gefallen: Szene aus „Drei Schwestern“. ·
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Ins Wasser gefallen: Szene aus „Drei Schwestern“. ·

Hannover - Von Jörg WoratAnton Tschechows „Drei Schwestern“ und Hannover – war da nicht mal was? Richtig, und es ist noch gar nicht so lange her: Jürgen Gosch eröffnete mit diesem Klassiker der Moderne vor Ort die Spielzeit 2005/06 und wurde für seine Interpretation zum renommierten „Berliner Theatertreffen“ eingeladen.

Eine Ehre, die Sascha Hawemanns Neuinszenierung, jetzt im Schauspielhaus zur Premiere gekommen, wohl kaum widerfahren wird.

Aus gutem Grund. Denn von sorgsamer Durchdringung und atmosphärischer Umsetzung des Stoffs, wie dies bei Gosch zu erleben war, kann hier überhaupt keine Rede sein. Schon der Auftakt lässt Zweifel aufkommen: Die Darsteller kommen unter dem nur spaltbreit geöffneten Eisernen Vorhang auf die Vorbühne gekraucht, die mit allerlei Büchern belegt ist, und greifen sich ziemlich wahllos einzelne Sätze aus dem Tschechow-Text heraus.

Der scheint auch später, wenn man mehr zu sehen bekommt, zuweilen eher als Steinbruch zu dienen. So werden die Regieanweisungen zum Bühnenbild vor jedem Akt mit vorgetragen, was nun alles andere als eine originelle Idee ist, ganz abgesehen davon, dass sie keine wirkliche Umsetzung finden: Im ersten Teil verleihen viele Lämpchen dem Geschehen einen unangenehmen Show-Charakter, im zweiten gibt es mit Regenfällen und sonstigen Wasserschlachten den inzwischen auf deutschen Theaterbühnen wohl abgedroschensten Effekt zu erdulden – wenn die Flüssigkeit braun gefärbt ist, macht das die Sache nicht wesentlich besser.

Vor allem aber denunziert Regisseur Hawemann seine Figuren. Es gibt vielleicht zusammengenommen zehn Minuten, in denen man zumindest einzelne Charaktere ernst nehmen kann, doch leider dauert der Abend sogar noch spürbar länger als die angekündigten dreieinhalb Stunden. Über weite Strecken wird die Bühne von Karikaturen bevölkert, die sich immer wieder in anstrengenden körperlichen Übungen austoben müssen: Wenn Baron Tusenbach (Hagen Oechel) etwa seinen üblichen Sermon über die Freuden der Arbeit ablässt, schlenkert er ausgiebig den Besserwisserfinger, während Militärarzt Tschebutykin (Rainer Frank) später auf alles eintritt, was ihm in die Quere kommt.

Zweifellos steckt in Tschechows Panoptikum des Stillstands durchaus eine gewisse Komik. Es scheint auch angebracht, aus dieser Parade von Gestalten, die stets darüber reden, was sie vielleicht gerne tun würden, und nie die Konsequenzen daraus ziehen, nicht zu einer wohlfeilen Orgie der Melancholie zu machen, wie das in der Vergangenheit oft geschehen ist. Doch irgendwie mitfühlen möchte man doch schon ganz gerne, nachvollziehen, warum der berühmte Ruf „Nach Moskau!“ hier nurmehr einen Sehnsuchtsort beschreibt und keine reale Stadt.

Zu bedauern sind dabei die Akteure. Lisa Natalie Arnold, Sarah Franke und Johanna Bantzer haben in den Titelrollen trotz disziplinierten Spiels kaum die Möglichkeit, ihren Figuren Profil zu geben. Etwas dankbarer sind da schon die Aufgaben für Carolin Eichhorst, deren Natalja wenigstens eine klar definierte Unsympathin ist, und Henning Hartmann, der den Gymnasiallehrer Kulygin gekonnt verkaspern darf.

Ein Teil des Publikums jubelt am Schluss trotz der vielen Mängel. Es gibt allerdings, im hannoverschen Schauspiel zuletzt eher unüblich, auch Buhs, die sich beträchtlich steigern, als das Produktionsteam die Bühne betritt.

Die nächsten Vorstellungen: am 4., 16. und 20. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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