Unentschiedener Abend mit langen Laufwegen

+
Das Hamburger Tanzkollektiv „Hajusom“zeigt auf Kampnagel „Paradise Mastaz“.

Hamburg - Von Tim Schomaker. Ein Text aus knappen Sätzen, die Verben stets im Infinitiv. Alltägliches – Kaffee zubereiten, Zeitung hereinholen, Pflanzen von anderen Pflanzen unterscheiden, eine Reise vorbereiten – erscheint als Unvollendetes.

Fast ein wenig ortlos. Irgendwann bricht ein Krieg über den Text herein. Und zwar ein durchaus zu verortender. Es geht um den Irak. Nikola Duric liest den Text vom Tablet-PC. Hochgewachsen und mit einem sandig-grauen Rock steht er an einem Mikrophon. Gelegentlich ist ein Echo zu hören, die hohe Frauenstimme von Jasmina Music. Sie legt Wege zurück, umrundet einen Tisch, geht zwischen luftig herabhängenden Gazestreifen herum.

Kurator Branko Šimic hat mit „Abgrund“ eine eigene Produktion an den Beginn seines „KRASS“-Festivals auf Kampnagel gesetzt. Das „alchemistische Produkt“ aus dem Untertitel ist auf die libanesisch-amerikanische Dichterin und Malerin Etel Adnan gemünzt, um deren multikulturelle (und in gewisser Weise programmatisch ortlose) Biographie der Abend kreist. Ohne die 1925 in Beirut geborene Tochter einer Griechin und eines Syrers so richtig zu fassen zu kriegen. Zu verstreut sind Hinweise, Anleihen auf Werk und Biographie, zu zerstreut viele Bilder, zu unklar die Mischung mit anderen erdachten oder nacherzählten Lebensgeschichten. Dazu wird so viel unmotiviert herumgegangen an diesem Abend, dass es für zwei Schiller und einen Dürrenmatt ausreichen würde. Mindestens.

Den im Festival-Programm annoncierten „in die Zukunft gerichteten“ Blick und das Interesse am „ideologischen Vakuum, das die Prozesse der Globalisierung hinterlassen“ haben, streift die Eröffnungsproduktion allenfalls. Kaum hilfreich etwa ein Pseudo-Agit-Prop-Song, in dem sich Frontex – wegen des Schlagworts – auf Kontext reimt. Als müsse sich der Abend schnell mal seiner eigenen Zeitgenossenschaft versichern. Einer Zeitgenossenschaft, die sich indes weder erzählerisch noch choreographisch wesentlich von jenen Gemeinplätzen entfernt, auf die man umgehend auch selbst kommt – ohne Theater.

Nur selten tauchen strukturelle Dimensionen auf. Etwa in Arash Marandis (vielleicht etwas freundlich geratenem) Spoken-Word-Bericht über die Reise eines Deutsch-Iraners nach „Teherangeles“ an der Westküste der USA. Wo er sich als Autoverkäufer (gehobene deutsche Fabrikate) verdingt. Und mit Blick auf die vom Ingenieur handsignierten Porsche-Motoren fragt, warum auf einer H&M-Krawatte nicht auch das Autogramm einer Textilarbeiterin aus Bangladesch steht. Oder der tatsächlich anrührende Bericht des 18-jährigen Faissal Ahmadazy über die „Rückkehr“ in ein Afghanistan, das er als Flüchtlingsbaby ja nie kennengelernt hat. Gerade in seiner Art, als Nicht-Schauspieler von sich selbst zu erzählen, gelingt Ahmadazy einer der wenigen Lichtblicke des unentschlossenen Abends.

Die folgenden Großproduktionen, die bei „KRASS“ zu sehen sind, könnten mit Blick auf die Festival-Programmatik mehr einlösen als der Auftakt. Für die Performance „Paradise Mastaz“ hat das Hamburger Tanzkollektiv „Hajusom“ nicht nur elbstädtische Underground-Musikprominenz wie Knarf Rellöm um sich versammelt, sondern auch Puppen- und Marionettenbauer unterschiedlicher Provenienz. Die Puppen des Berliner Trash-Ensembles „Das Helmi“ treffen auf solche aus der Puppenspieler-Dynastie Coulibaly aus Mali. Das Wiener Performance-Kollektiv „God’s Entertainment“ schließlich hat sich mit der Produktion „Cleaning, Babysitting, I help in the house, 7 Euro!“ in Anlehnung an Rainer Werner Fassbinders ‚Katzelmacher‘“ des Themas Arbeitsmigration angenommen.

Das Festival „KRASS“ läuft bis zum 15. Februar in Hamburg. Infos unter www.kampnagel.de

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

6000 Migranten aus Marokko erreichen Ceuta

6000 Migranten aus Marokko erreichen Ceuta

Israels Armee tötet hochrangigen Militärkommandeur in Gaza

Israels Armee tötet hochrangigen Militärkommandeur in Gaza

Angriff auf Tel Aviv - Hamas-Leute im Fadenkreuz Israels

Angriff auf Tel Aviv - Hamas-Leute im Fadenkreuz Israels

Israel greift Hamas-Tunnel an - Feuerpause nicht in Sicht

Israel greift Hamas-Tunnel an - Feuerpause nicht in Sicht

Meistgelesene Artikel

Jedes Konzert ein Ernstfall

Jedes Konzert ein Ernstfall

Jedes Konzert ein Ernstfall
Oldenburgisches Staatstheater bringt „Gott“ auf die Bühne

Oldenburgisches Staatstheater bringt „Gott“ auf die Bühne

Oldenburgisches Staatstheater bringt „Gott“ auf die Bühne
Es muss der größte Schädel sein

Es muss der größte Schädel sein

Es muss der größte Schädel sein
Stadttheater Bremerhaven: Mit erhöhtem Etat und Blick auf Amerika

Stadttheater Bremerhaven: Mit erhöhtem Etat und Blick auf Amerika

Stadttheater Bremerhaven: Mit erhöhtem Etat und Blick auf Amerika

Kommentare