Lara Almarcegui im Künstlerhaus Bremen

Brachflächen unter Schutz

Bremen - Von Rainer BeßlingDen Bremern ist der Prozess vertraut: Die Überseestadt befindet sich im Umbruch. Als Heimstatt von See-Opern, Standort der Hochschule für Künste und durch die Ansammlung diverser neuer Bühnenformate strahlt das Revier kulturell weiter aus. Aber auch bei Gewerbeflächen und Wohnräumen expandiert das einstige Hafengebiet.

Dass der Charme der Wassernähe und der Speicherarchitektur zahlungskräftige Käufer und Mieter anzieht, macht zum Beispiel manchem der bislang ansässigen Künstler Kopfzerbrechen. Irgendwann könnten die Mieten und Immobilienpreise explodieren, im Strukturwandel dürften einige abgehängt werden. Auch könnte es mit der jetzt noch angenehm offenen Bebauung Schluss sein. An diese Befürchtung knüpft Lara Almarcegui an, der das Künstlerhaus Bremen derzeit eine Ausstellung widmet.

Die in Rotterdam lebende Künstlerin hatte sich nach eingehender Recherche eine Brachfläche in der Bremer Überseestadt ausgesucht, die sie unter Schutz gestellt wissen wollte. Schon in vergleichbaren Aktionen, etwa auf dem künftigen Londoner Olympia-Gelände, die in der Ausstellung dokumentiert sind, setzte Almarcegui mit ihrer Brachflächen-Offensive Zeichen gegen die zunehmend dichtere Bebauung im urbanen Bereich. Um den öffentlichen Raum nicht vollständig Städteplanern, Architekten, Großinvestoren und privaten Nutzern zu überlassen, initiiert die Künstlerin in ihren Projekten den Erhalt brachliegender Flächen als „Räume der Freiheit“, die sich in ihrer Entwicklung, ob Zerfall oder Verwilderung, selbst überlassen bleiben.

Auch wenn hier nicht von „Naturraum“ gesprochen werden kann, könnten solche Bezirke doch als Symbole für organisches Eigenleben und ungeplante, unorganisierte Entwicklungsprozesse frei von Nutzendenken gesehen werden, mit Geschichte ausgestattet, aber von künftiger Verwertung unbelastet.

Dem Schutz der Brachfläche in der Bremer Überseestadt erteilten die Behörden (bislang) eine Absage. Sie sahen wohl unter anderem die Gefahr, dass sich dort schützenswerte Flora und Fauna ansiedelt und andere Nutzungsinteressen durchkreuzt werden. Auch wenn das Projekt vorerst gestoppt ist, ist der Plan bereits auf große und positive Resonanz gestoßen. Allerdings ist zu hoffen, dass die Idee nicht zu einer Kunst-im-Überseestadt-Raum mutiert, der gleichfalls Planungsehrgeiz und der Charakter einer Alibi-Brache im flächendeckend verwalteten Grund anhaftet.

Almarcegui kümmert sich nicht nur um Freiflächen, sondern macht in Materialauflistungen Baustoffmengen großer Architekturen greifbarer, schaut unter Bodenbeläge von Galerieräumen oder übersetzt Stellflächen in die verarbeitete Masse von Asphalt. Architektur wird hier nicht vorrangig in Form und Ästhetik thematisiert, sondern in ihrer Ausdehnung und Stofflichkeit. Ein anregend anderer Zugang.

Galerie im Künstlerhaus

Bremen. Am Deich 68/69.

Bis 12. Februar 2012

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