Boote für die Unterwelt, Felsen für das Meer: Syker Vorwerk zeigt Keramikkunst der „Gruppe 83“

Wuchtiges aus der Hölle

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Bei ihren Barken des Unterwelt-Bootsmanns Charon hat Christa Gebhardt sogar an die Schlupflöcher für Holzwürmer gedacht.

Syke - Von Johannes Bruggaier. Kein Material gebe es, das „so stigmatisiert ist“. Es stecke „in der Schublade für Hausfrauenkunst“. Und in der Kunstwissenschaft komme es deshalb „gar nicht erst vor“. Man möchte bei diesen Worten an Wasserfarben denken oder an Batik. Aber nein, es ist von Keramik die Rede, jenem Material, das noch in der Antike selbstverständlicher Bildträger war, so etwas wie der Urstoff für die abendländische Kunstgeschichte.

Es liegt etwas Trotziges in diesen Aussagen von Vera und Fritz Vehring: insofern, als sie sich insgeheim auf vergangene Zeiten beziehen. Dass Keramik heute bei Weitem nicht mehr allerorten als „Hausfrauenkunst“ wahrgenommen wird, darf sich schließlich die „Gruppe 83“ als Verdienst anrechnen – eine Künstlervereinigung, die das Ehepaar Vehring zu Anfang der achtziger Jahre mitbegründet hatte. Das Syker Vorwerk widmet dem Verbund nun eine Ausstellung, kuratiert von Vehrings selbst. „1200° sind relativ“ lautet der Titel, womit zunächst vor allem unterschiedliche Härtegrade des Tons gemeint sind. Tatsächlich aber lässt sich die Relativität auch auf kulturell beeinflusste Perspektiven beziehen.

Aus christlicher Sicht beispielsweise, sagt Fritz Vehring, habe dieser Hitzefaktor schon immer an Hölle und Teufel erinnert, weshalb das solcherart gebrannte Material für hehre Kunst verpönt war. Im Unterschied etwa zur Antike oder zum fernöstlichen Daoismus mit seiner hohen Wertschätzung für die Erde, mithin für den Ton. So kann man die Renaissance der Keramikkunst als Ausdruck des religiösen Wandels verstehen, aber auch als Spiegelbild einer industriellen Entwicklung: Ohne Keramik wäre die auf Halbleitern basierende Informationstechnologie nicht möglich.

Weder der Leibhaftige noch ein Computerchip ist im Vorwerk zu sehen, und doch findet sich Vehrings historische Deutung der Keramikkunst in den Objekten der 16 Künstler wieder. Es sind Werke auf der Schnittstelle von Spiritualität und Funktionalität, von Natur und Zivilisation, von Nutzen und Ästhetik.

Da fügt sich bei Cathy Fleckstein ein „Meilenstein“, der mehr wie ein Obelisk als Zeugnis antiken Götterkults aussieht, zu einem Gewölbe, das an die Zweckmäßigkeit einer Lehmhütte erinnert. Und wie zum Abgleich an diese unterschiedlichen Motivationen menschlicher Gestaltungskunst erstreckt sich über ein Wandbild Ton in natürlich anmutenden Strukturen heterogener Gesteinsschichten.

Anders als bei Fleckstein erscheinen Natur und Mensch, organisches Wachsen und künstliches Schaffen bei Fritz Vehring nicht mehr eindeutig voneinander abgetrennt. Wuchtige Felsen dominieren bei ihm den Raum, gerundet und geglättet vom mutmaßlichen Spiel der Brandung, lässt doch die feine Maserung der Oberfläche an die üblichen Versteckmöglichkeiten für Meeresparasiten denken. Bei näherer Betrachtung jedoch schält sich aus dem runden Fels die Kontur eines Helms heraus, die natürliche Form als ideales Muster für künstlichen Kopfschutz. Es ist das kindliche Spiel des Deutens von Wolken, das in dieser Kohärenz von zufälligen und absichtlichen Formen zur Geltung kommt.

Überhaupt verführt der Umgang mit Keramik zur Illusionsschöpfung und Betrachtertäuschung. Das gilt einerseits für bemerkenswert glaubhafte Vorspiegelungen organischen Materials. Etwa bei Monika Debus‘ luftig weich anmutenden, mit vermeintlichen Poren durchsetzten Schwammwesen. Oder auch für Christa Gebhardts antikisierte Barken des Unterwelt-Bootsmanns Charon: Derart modrig erscheinen die Gefährte, dass man an eine Holzschnitzerei glauben mag. Sogar an winzige Schlupflöcher für Holzwürmer hat die Künstlerin gedacht.

Andererseits reizt das Material zu seiner Umdeutung in einen Stoff von größerer Künstlichkeit. Bei Renée Reichenbach eignet sich Keramik die kühle Härte des Metalls an. Wir sehen stahlgraue Panzersperren und solide Rohrkonstruktionen, wahrhaftig weit entfernt von „Hausfrauenkunst“.

Immer aber zeigt sich in diesem Maskenspiel des Materials das Ringen um Fragen nach Form und Funktion, ein geradezu architektonischer Ansatz. In manchen Objekten wird dieser Aspekt sogar ganz unverstellt sichtbar, etwa bei Michael Cleffs strengen Kompositionen aus filigran gearbeiteten Fensterrahmen zu gedrungenen Blöcken in Betonoptik. Oder auch bei Antje Brüggemanns fünfteiliger „Hommage á M.“, die man getrost als Reminiszenz an Giorgio Morandi interpretieren darf. Dessen Stillleben mit Flaschen und Schalen erhalten bei Brüggemann eine dritte Dimension, wachsen in ihrer scharfen Konturgebung und engen Positionierung jetzt wie Wolkenkratzer in die Höhe. Dabei erstaunt, wie flächig, wie fassadenhaft die eigentlich doch nunmehr an Räumlichkeit gewonnenen Formen wirken: Auch auf diese Weise kann Keramik täuschen.

Sinn und Zweck der „Gruppe 83“ sei es gewesen, Ausstellungsmachern einen Ansprechpartner für deutsche Keramikkünstler zu bieten, sagt Fritz Vehring. Weder habe man eine gemeinsame Programmatik angestrebt, noch eine Zielsetzung formuliert. So fällt denn auch im Syker Vorwerk eine bemerkenswerte Vielfalt an ästhetischen Ausdrucksformen auf, deren fundamentalen Gemeinsamkeiten sich aus der Beschäftigung mit dem Material wie von selbst ergeben. Wer mit Keramik arbeitet, kann gar nicht anders, als den künstlerischen Gedanken auf den Stoff selbst zu richten: auf seine Bedeutung in Natur wie Zivilisation, für Funktion und Ästhetik. Vielleicht besteht darin das eigentlich Teuflische dieses Materials.

Bis 21. September im Syker Vorwerk, Waldstraße 76, Syke. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

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